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Zu Gast beim TOUR-Magazin – ein Blick hinter die Kulissen

by Daniel

Wie die Zeiten sich ändern: Früher hätte ich nächtelang nicht schlafen können, wenn ich die Redaktionen von 11Freunde und Kicker besucht hätte – jetzt war ich ähnlich nervös, denn ich war zu Gast beim TOUR-Magazin in München und durfte mal einen Blick hinter die Kulissen von Europas größtem Rennradmagazin werfen.

Besuch beim TOUR-Magazin

Da bin ich also nun: zu Gast beim großen Tour-Magazin in der Steinerstraße in München. Alter Schwede, die Tour! Das ist Radsportgeschichte pur: Bereits seit 1977 auf dem Markt, liefert die Zeitschrift monatlich über 70.000 Exemplare an die zahlende Rennradgemeinde aus – zahlreiche Redakteure kümmern sich Tag und Nacht um die neuesten Themen & Trends rund ums Rennrad. Fast wie ich mit Speed-Ville.de – nur größer.

Und jetzt klingle ich bei den Jungs an der Tür.

Gestatten, mein Name ist Daniel: Chefredakteur, Testfahrer, Lektor, Redakteur, Grafiker – alles in Personalunion auf meinem Rennrad-Blog. Was für eine Entwicklung: Vor zwei Jahren bin ich Sa Calobra auf Mallorca noch in Turnschuhen und Baumwoll-Schlüpper hochgefahren – und jetzt steh ich hier. Ein tolles, ein aufregendes Gefühl.

Ein bisschen nervös war ich aber auch. Was würde mich erwarten? Hardcore Tech-Talk gleich von der ersten Sekunde? Ja nicht zu viele Informationen rausgeben, gegenüber dem wahnsinnigen Blogger? Vorsichtiges gegenseitiges Beschnüffeln? Steifes Gesieze? Schauen wir mal.

Ding Dong.

Zu Besuch beim TOUR-Magazin

Besuch beim TOUR-Magazin

Konferenzzimmer

„Sie müssen Herr Müller sein – der Blogger!“ Oh nein! Hier wird gesiezt. Der junge Volontär begrüßte mich etwas unsicher am Empfang. „Ja, der bin ich! Grüß DICH!“ Gleich mal ein Zeichen setzen. Ich bleib beim Radler-Du. Mal gucken, wie er reagiert.

„Cool, dann kommst d.. äh Sie mal mit – ich bringe Sie zum Kristian Bauer“. Innerlich musste ich schmunzeln – den kriege ich noch. Der siezende Volontär führte mich einen ewig langen Flur entlang. Gefühlt 50 Meter oder mehr – kleine Intervall-Sprints mit dem Rad wären hier sicherlich mal drin. Ganz ruhig, Daniel. Noch nicht beim ersten Besuch. Vielleicht ein andermal.

„Hi, Daniel. Grüß dich. Hat alles gut geklappt?“

Endlich. Das Radler-Du. Der Tag ist gerettet.

Kristian Bauer, Typ Bergziege in seinen Enddreißigern, begrüßte mich in seinem Redaktionsbüro. Triumphierend zwinkerte ich dem, inzwischen auf seinem Bürostuhl sitzenden, siezenden Volontär zu.

Kristian, ebenfalls etwas nervös – die Jungs empfangen scheinbar nicht jeden Tag Besuch, der sich a) selbst einlädt und b) Intervalle im Flur fahren will – führte mich dann wieder den langen Flur zurück zur Kaffeeküche. Ich zuckte kurz beim Durchschreiten des Flurs. Was folgte, war ein munterer Stammtisch-Talk über aktuelle und vergangene Rennrad-Themen: Von Rennrädern mit zwei Gängen kurz nach dem Krieg bis zu Peter Sagans fantastischer Attacke auf der 23rd Street in Richmond. Herrlich, so habe ich mir das vorgestellt – das könnte ich den ganzen Tag machen!

Ich wollte Kristian schon fragen ob wir die Kaffees nicht gegen zwei Augustiner Halbe eintauschen und stattdessen Rennrad-Quartett am Redaktionstisch nebenan spielen, als Jens ins Spiel kam.

Gestatten, Jens Klötzer. Typ Tech-Nerd. Jens ist als Redakteur maßgeblich mitverantwortlich für die Testberichte und -ergebnisse in den Heften. Jens ist so der Typ, den man als Telefonjoker anruft, wenn man bei Günther Jauch sitzt, und es kommt, wie so häufig, die „250.000€-Rennrad-Technik-Frage“.

Günther Jauch:

„Wie hoch war die Steifigkeit des Rahmens, mit dem Eddy Merckx 1972 den Stundenweltrekord aufstellte? “

Noch bevor die Frage zu Ende vorgelesen wäre, hätte Jens sie schon beantwortet und ihm noch on top die gefahrene Zeit plus die Wattwerte genannt. Also, wer jemals ein Vorstellungsgespräch bei Jens im Technik-Ressort hat – mein Tipp – seid in Eurem Lebenslauf ehrlich. Jens grillt Euch ;-)

„Kommt Jungs. Genug Kaffee, jetzt geht’s in das Technik-Labor!“

„Ok, Jens!“

Im Technik-Labor des TOUR-Magazins

Voller Stolz führten mich die beiden in die heiligen vier Wände des TOUR-Magazins: Es ging in den Keller, wo das Technik-Labor beheimatet ist – besser geschützt als Fort Knox. Mit gutem Grund: überall geile Rennräder. An den Decken, an den Wänden auf den Fluren.

Ü–BER-ALL!!!

Jens lässt später noch den bezeichnenden Satz fallen: „Selbst mit einer Panzerfaust bekommst die Tür nicht auf!“ Konnte er meine Gedanken lesen?

Kaum im Keller angekommen, schlug nun aber vollends Jens’ Stunde. Fachmännisch erklärte er mir alle Geräte, alle Rahmen, alle Maschinen und alle Testvorgänge. Ich schaute ihn mit großen Augen an. Kristian auch.

Irgendwann kamen wir zu dem Thema Scheibenbremsen: Ich hatte den Fehler gemacht, Jens nach seiner Meinung zu einer bestimmten Bremse zu fragen – den Ball griff er natürlich dankend auf und erklärte mir in Wikipedia-Manier alles Wissenswerte. Inhaltlich natürlich alles zu 100% richtig – mir flogen die Fachbegriffe nur so um die Ohren. Tech-Talk ist aber nur leider nicht meins. Sorry, Jens.

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Ich horchte kurz auf als er auf das Thema Profi- vs. Hobbysport kam. Fragestellung: Würde sich die Scheibenbremse auch bei den Profis durchsetzen? Ein für mich ja hochrelevantes Thema – wie ihr wisst, habe ich noch einiges vor: Paris, Champs-Élysées und so…

„Im Breitensport hat sich die Scheibenbremse quasi schon durchgesetzt“ so Jens, ich zuckte kurz zusammen als er fortfuhr: „Bei den Profis habe ich aber durchaus Zweifel – das Wechseln des Laufrads kann zu Problemen führen“. Was würde das für mich bedeuten? In 2-3 Jahren sollte es ja schließlich soweit sein. „Ich gehe aber davon aus, dass dafür in den kommenden Jahren eine gute Lösung gefunden wird“. Puh, Glück gehabt.

„Sind Eure Tests gekauft?“

Natürlich habe ich den beiden nicht diese selten dämliche Frage gestellt, hatte ihnen aber von meinem Gespräch mit einem guten Freund berichtet – vor meinem TOUR-Besuch – der meinte, dass seiner Ansicht nach die Tests in den Magazinen gekauft sind.

Jetzt schlug erneut Jens’ Stunde. Am liebsten hätte er mir wahrscheinlich den Schnellspanner durch die Ohren gesteckt, der grade in Reichweite lag – seine professionelle Antwort war aber: „Das hören wir natürlich nicht zum ersten Mal. Ganz wichtig: Die Produkttests bei uns sind nicht gekauft. Wir entscheiden, was in das Heft kommt und wie es bewertet wird. Das war schon immer so und wird auch so bleiben!“ Aufgrund der Größe sei man bei der TOUR nicht drauf angewiesen, auf diese Art und Weise mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Und noch wichtiger: Gekaufte Tests würden einem eh irgendwann auf die Füße fallen. Der Leser wirds merken – und das entspricht nicht ihrer Philosophie.

Im Umkehrschluss heißt das aber für mich – und für Euch: Bei kleineren Magazinen sollte man sich nicht auf die Testergebnisse verlassen, da sie eben nicht genug über Anzeigen und Heftpreise einnehmen.

Also liebe Leute, immer schön dran denken, wie ein Heft sein Geld verdient ;-)

Und ganz ehrlich? Ich nehme es ihnen ab. Da wird schon sehr viel Energie reingesteckt. Mir wurde auch strikt verboten in gewissen Räumen zu fotografieren, zu groß sei die Gefahr, dass Maschinen und Testvorgänge kopiert werden.

Sehr interessant war vor allem die Tatsache, dass die Redakteure auch in ihrer privaten Zeit das Material testen dürfen/müssen. Als Teststrecken dienen vor allem der naheliegende Perlacher Forst oder das Kloster Schäftlarn – die einzige ernstzunehmende Auffahrt bzw. Abfahrt in München.

Aber, aber: Wer sich jetzt schon mit Storck Rahmen und Lightweight Laufrädern durch den Perlacher Forst fahren sieht – immer dran denken: Ihr müsst an Jens vorbei.

„Radsport ist unsere Primärmotivation!“

So, Spaß vorbei – die Zeit war eh schon fortgeschritten, Kristian hatte für mich noch ein Gespräch mit Chefredakteur Thomas Musch organisiert. Ja, genau: beim Chef höchstpersönlich!! Der kleine Blogger aus Laim beim Chefredakteur der Tour im feinen Ledersessel? Papi wäre stolz, hätte ich ihm vorher davon berichtet.

Thomas, Typ drahtiger Schwabe, empfing mich wie es sich für einen drahtigen Schwaben gehört, stehend hinter seinem hochgefahrenen Schreibtisch. Nur auf der Rolle sitzend und gleichzeitig tippend wäre noch drahtiger gewesen. Die Rolle stand zumindest in einem der Nebenräume.

Thomas Musch ist bereits seit 1993 bei der TOUR festangestellt. In den ersten Minuten beschnüffelten wir uns noch gegenseitig, dann entwickelte sich aber ein lockeres Gespräch von zwei Männern, die den Radsport lieben – oder wie Thomas es formuliert:

„Radsport ist unsere Primärmotivation!“

Ein toller Satz. Den kann man mal so stehen lassen.

Ich hatte mir vorab zwar einige Fragen überlegt, über die ich mit Thomas sprechen wollte – merkte aber schnell, dass das Gespräch mit ihm „rollte“.

Interessant an der Stelle:

Ich musste mich hin und wieder selbst kneifen. Hey, da sitze ich doch glatt im Büro des Chefredakteurs der TOUR und wir beide fachsimpeln so herrlich ungezwungen über den Radsport. Kann mich mal einer aufwecken?

Hätte mir das einer im Mai 2014 gesagt als ich den Rennrad-Blog aufgesetzt habe – jeder Besucher wurde noch per Handschlag und „Grüß Gott“ willkommen geheißen – ich hätte ihm den Vogel gezeigt. Vor lauter Rührung und Stolz kullerten mir zahlreiche Tränen die Wangen herunter. Nein, das war geflunkert. Stolz war ich trotzdem.

Thomas merkte scheinbar auch, dass ihm einer gegenüber saß, der Spaß am Radsport hat und plauderte bei ein paar Themen aus dem Nähkästchen. Wie er damals die Hochzeiten des Radsports Mitte der Neunziger miterlebte – das ganze Land war in magenta – oder auch den tiefen Fall ab 2006. Diese Berg- und Talfahrt hatte die TOUR natürlich auch stark getroffen. Seitdem versucht man zum Beispiel eine gesunde Distanz zum Profisport zu halten – zu gefährlich sind die Abstrahleffekte.

Ebenfalls sehr interessant war unsere Doping-Diskussion. Fragestellung: Wie schafft man es, den Radsport zu 100% sauber zu bekommen? Laut Thomas wäre die Konsequenz, „dass man dem Sport seine komplette Historie nimmt.“ Alle Personen mit Verbindungen in die damalige Zeit, müssten rausgenommen werden. Das würde aber leider nicht funktionieren.

Abschließend gab es von Thomas noch einen Lesetipp, jetzt für die kalten Wintertage: „Daniel, falls du gerne hinter die Kulissen blickst, empfehle ich dir dieses Buch – sehr interessant! Du wirst es mögen:“
Domestik – von Charly Wegelius.

So endete dann auch ein hochinteressanter und spannender Tag für mich. Nach insgesamt drei Stunden war es an der Zeit nach Hause zu gehen – ein letztes Mal zuckte ich noch durch den Intervall-Flur.

Schlusssatz:
Vielen Dank an Thomas, Jens und Kristian für die Zeit, die Ihr Euch für mich genommen habt – es war mir definitiv eine Ehre. Und Ihnen danke ich natürlich auch, Herr Volontär ;-)

Bis zum nächsten Mal – dann per Du.

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