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Marcel Wüst im Interview:
„Diese belgische Riege bei Telekom –
das war nicht meins.“

by Daniel

In seiner gesamten Karriere gewann Marcel Wüst über 100 Rennen. Bei der Tour 2000 gelang ihm gar der Coup, neben dem Grünen Trikot für kurze Zeit das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers zu tragen – Marcel Wüst war ein Schlitzohr. Wie schnell es aber mit Ruhm und Ehre vorbei sein kann, zeigt sein Unfall vom 11. August 2000: Nach einem schweren Zusammenstoß mit dem Franzosen Jean-Michel Thilloy, verlor Marcel auf tragische Art und Weise sein rechtes Augenlicht. Die Karriere war vorbei. Im Interview mit mir zieht Marcel Wüst einen beeindruckenden Strich unter seiner Profikarriere und offenbart interessante Einblicke in das Peloton der damaligen Zeit. Hinweis: Das Interview erschien in etwas gekürzter Fassung am 7.2.2016 in meinem Interview Sessions Magazin – in voller Länge gibt’s das Interview jetzt hier…

Marcel Wüst Interview

Marcel Wüst im Interview

Ein wichtiges Motto lautet: „Never Trust A Man Without A History!“ – beim Betrachten Deiner Vita gibt es also sehr viele Gründe, Dir zu vertrauen.
Keine Sorge: Trust me! (lacht) Ich habe viel erlebt, viele schöne Dinge, auch Dinge, die nicht so erfreulich waren. Langeweile ist bei mir aber nie aufgekommen. Wenn man dann zurück blickt, freut man sich über das Erlebte. Es können natürlich auch ein paar Storys zum Besten gegeben werden.

Wie würdest Du die ersten Jahre Deiner Profikarriere beschreiben?
Die ersten vier Jahre waren sehr behütet. Ich war in einem französischen Team, RMO hieß das. Nach vier Monaten meines ersten Zweijahresvertrags, wurde mir über den Zweijahresvertrag hinaus, ein weiterer Vertrag über zwei Jahre angeboten. Das gibt einem natürlich ein sicheres Gefühl, wenn man weiß, dass man dann vier Jahre Pro ist. Die Gehaltsstruktur war nach oben flexibel. Man muss aber auch dazu sagen: In der ersten Profisaison habe ich 12.000 Francs brutto verdient.

Im Monat?
Ja, das waren in etwa 1.250€ netto. Das ist nicht viel, aber so waren damals die Gehälter. Über Leistung konnte man dafür sorgen, dass sich diese Summe erhöht. Als es dann mit dem Team zu Ende ging und ein angeblicher Prinz übernehmen wollte, das war schon ein bisschen skurril, wir standen dann letzten Endes auch auf der Straße. Danach wechselte ich in das letzte Team von Peter Post, das war dann in Profijahr fünf und sechs.

Im zweiten Jahr bei Peter Post hatte ich eine schwierige Knieverletzung. Das Team kümmerte sich, gelinde gesagt, nicht um mich. Das schien denen tatsächlich scheißegal zu sein, was mit mir und meiner Karriere ist. Ich wurde zu einem Rennen beordert, obwohl ich 10 Wochen nicht trainiert hatte. Nach dem Motto: „Du bist kein Trainingsfahrer, Du bist Rennfahrer“. Das sind schon Momente, wo man sich fragt ob die Karriere nicht schon zu Ende ist. Nach dem Engagement bei Le Groupement ging es dann rüber nach Spanien. Wir hatten wenige Tage vor der Tour de France die Info bekommen, dass das Team vor dem Aus ist.

Ja, das hatte ich gelesen. Zwei schlechte Nachrichten wurden Dir an dem besagten Tag übermittelt.
(lacht) Ja, ich wurde per Telefon gefragt, ob ich sitze. Man hätte mir zwei Nachrichten zu übermitteln. Eine schlechte und eine sehr schlechte. Auf meine Rückfrage, was denn die schlechte sei: Wir fahren nicht zur Tour, das war neun Tage vor dem Start der Tour de France. Und die zweite schlechte Nachricht war, dass wir ab morgen keine Kohle mehr bekommen. Das Team wäre finanziell erledigt. Da sitzt Du dann da: Mitten im Juni, fit wie ein Turnschuh.

Was hast Du dann gemacht?
Ich wusste, dass es in den USA eine Rennserie gibt – die Superweek – die während der Tour stattfindet. Da ein italienisches Team für uns bei der Tour nachrückte, waren dann deren Plätze frei für dieses Rennen – ich flog auf Kosten des Veranstalters hin und konnte sogar ein bisschen was gewinnen. Das Rennen konnte man aber nicht mit dem Niveau hier in Europa vergleichen. Auf jeden Fall hat es in den USA gut geschmeckt – in knapp drei Wochen habe ich 5 kg zugenommen: Chips, Hamburger, Fritten, Eis und so weiter. (schmunzelt)

Ob ich denn fit genug sei, die Vuelta zu fahren? …

Dann habe ich mal kurz an meiner Plauze runtergeguckt:

„Si, si claro!“

Als ich dann zurück in Europa war, kam der Anruf aus Spanien von MX Onda, ob ich denn fit genug sei, die Vuelta zu fahren. Sie fand in diesem Jahr das erste Mal im September statt. Dann habe ich mal kurz an meiner Plauze runtergeguckt: „Si, si claro!“ (wir lachen beide).

Das war dann in den Folgewochen die konsequenteste Askese, die ich in meiner Karriere je an den Tag gelegt habe. Für die Vuelta hatte ich dann auch echt hart trainiert, bin vorher noch zahlreiche Rennen in Spanien gefahren, ich konnte null Spanisch. Das habe ich dann abends im Zimmer mit dem Teamkollegen gemacht. Dann ging es zur Vuelta, wo ich drei Etappen gewonnen habe – Back in Business.

Mitte des nächsten Jahres bekam ich dann das Angebot von Festina. Ein Weltklasseteam, die endlich mal ein ordentliches Grundgehalt gezahlt haben, und wenn man große Rennen gewonnen hat, konnte man noch einen ordentlichen Bonus bekommen. Als ich dann im Oktober in Australien war und Rennen gefahren bin, zahlte MX Onda auf einmal kein Gehalt mehr aus. Sehr leidiges Thema, insgesamt war es in den 80ern und 90ern eine sehr holprige Zeit bei den Teams der mediterranen Anrainerstaaten. Das ging da drunter und drüber. Du wusstest nicht wirklich, wo die Kohle her kam, dann kam sie mal einen Monat nicht, oder zwei Monate auf einmal.

Aber naja, so um die 8.000 Mark im Monat, das hörte sich damals ja schon nach viel an, aber so waren die Gehälter damals. Heute lacht da natürlich ein Drittligist drüber, wenn man das vergleicht, was wir Ende der 80er, Anfang der 90er verdienen konnten.

Drittligist im Fußball meinst Du?
Richtig. Aber das war eben Passion. Ich würde es jederzeit wieder machen.

Gab es damals typische Unterschiede zwischen französischen, spanischen und deutschen Teams?
In Frankreich war es vor allem sehr familiär. Wir hatten zwar einen Ernährungsberater, auch einen Trainer, der mal die Pulsuhren rausgeholt hat, schlussendlich fuhr aber jeder, wie er es grade am besten wusste und was ihm die letzten Jahre gut getan hat.

In Spanien war das auch nicht groß anders. Grade in den traditionellen Radsportnationen trainierten viele nach Gefühl. Damals gab es keine Wattmessgeräte, die ersten Pulsuhren kamen gerade raus. Aber auch mit Pulsuhr änderte sich ja nichts groß, außer dass Du beim Fahren siehst, dass Du 185-Puls hast. Klar, wir hatten da schon mal den einen oder anderen Competition: Gleiches Tempo am Berg, und wer hat den niedrigeren Puls? Wobei das natürlich kompletter Quatsch ist: Der eine hat einen Schwellenpuls von 160 und der andere von 140, das wussten wir aber alles nicht mit Anfang 20.

Auch als dann mit den Jahren das wissenschaftliche Training aufkam: Ich will nicht sagen, dass ich da nie was von gehalten habe, aber ich habe mich immer auf mein Gefühl verlassen. Das ist natürlich komplett anders als der Radsport von heute mit dem gläsernen Athleten: Du musst jetzt sechs Stunden fahren und davon 4 mal drei Minuten mit so viel Durchschnittswatt, und die Trittfrequenz muss auch in einer gewissen Range sein, da hätte ich heute kein Bock mehr drauf. Meinst Du übrigens, wir hätten früher Rumpfstabilisation gemacht oder Aktiv-Rücken-Übungen?

Etwa nicht?
Im Winter haben wir so Zeugs gemacht, im Sommer waren wir Pedaliermaschinen und sind Fahrrad gefahren.

Hast Du auch Ende der Neunziger nicht wattgesteuert trainiert?
Nein, mit Watt bin ich nie gefahren. Ich hatte fast immer eine Pulsuhr am Lenker. Ich kannte meine Schwelle, was den Pulsbereich anging.

Wo lag Deine Schwelle?
Bei 165. Wie viel Watt ich in dem Bereich getreten habe, weiß ich nicht. Ich war Sprinter, da war das egal. Als Sprinter ist das eh nicht wichtig. Da musst Du vor allem clever sein, am richtigen Hinterrad liegen, furchtlos durch die Kurven fahren.

Abgezockt wie ein Straßenköter…
Ganz genau (lacht). Im Vorfeld die Gegner beobachten, zwickt bei einem was in der Wade? Dehnt der heute mehr als sonst? Oder auch die Strecke kennen, in Kurven 1-2 Positionen gut machen.

Das Schwere beim Sprinten ist nicht zu gewinnen, das Schwere ist die Position aus der Du das Rennen gewinnen kannst, inne zu haben. Da gibt es maximal fünf Positionen, das ist dann ein Kampf Mann gegen Mann.

Naja, um auf die Pulsuhr zurückzukommen: ich habe die vor allem auch dran gehabt, um nicht zu wenig zu tun. Alleine, wenn Du drei Schläge drunter bist, ist das nicht nur sehr viel weniger effizient, es tut auch sehr viel weniger weh. Denn 100% Leistung sind auch 100% Schmerzen. Fährst Du aber nur noch 95% Leistung, schmerzt es nur noch zu 90%. Fährst Du nur noch 90%, schmerzt es nur noch 70%. Und wenn Du 80% fährst, tut es gar nicht mehr weh. Dafür ist dieser Kontrollmechanismus schon sehr gut. Unsere Sprinttrainingseinheiten waren aber knüppelhart. Nach gut zwei Stunden kam ich nach Hause und konnte die Treppe nicht mehr runtergehen. Was heute als innovatives HIT-Training verkauft wird, das habe ich schon vor zwanzig Jahren gemacht. In den letzten 7-10 Minuten eines Rennens bist Du dauernd über Deiner Schwelle, musst versuchen Dich bei jeder Gelegenheit zu regenerieren, nach einer Kurve gehen aber wieder vier Mann durch, jetzt musst Du wieder hinterher und deine Position zurückerobern. Das Schwere beim Sprinten ist nicht zu gewinnen, das Schwere ist die Position aus der Du das Rennen gewinnen kannst, inne zu haben. Da gibt es maximal fünf Positionen, das ist dann ein Kampf Mann gegen Mann.

Wird man Sprinter, weil man besser für eine kurze Zeit sehr viel Watt treten kann oder weil man nicht konstant lange am Berg die Watt treten kann?
Das ist in etwa wie eine Waage. Wenn Du in dem einen besser wirst, dann wirst Du gleichzeitig beim anderen schlechter. Zu Beginn meiner Profikariere habe ich versucht, da ich ein sehr schlechter Bergfahrer war, Gewicht zu verlieren. Zwar konnte ich dann mit dem weniger Gewicht etwas besser den Berg hochkommen, mir fehlte am Ende aber die Kraft beim Zielsprint. Von daher kommst Du schnell zu dem Schluss, Dich auf deine Stärken zu fokussieren. Dass, was Du kannst, solltest Du richtig gut können. In meinem Fall war der Fokus, in den Top 10-20 der Welt zu sein, auch um eine Daseinsberechtigung zu haben. Denn als einer von vielen, bist Du sehr schnell austauschbar. Das habe ich durch Trial & Error im ersten Profijahr gelernt.

Wolltest Du als Jungprofi nicht einfach mal hinschmeißen und was „vernünftiges“ machen?
Als ich 1994 meine lange Verletzung hatte, da hatte ich schon mal drüber nachgedacht, das Ganze aufzugeben und die Bürokaufmannlehre weiter fortzuführen und dann später den Laden meines Papas zu schmeißen. Das wäre das einfachste gewesen. Aber das habe ich dann letztendlich nicht weiter durchdacht, die Radkarriere hatte ja dann doch funktioniert. Und dieses besondere Leben eines Radprofis, das will man ja auch nicht so schnell aufgeben.

Vermisst Du dieses besondere Leben?
Nein. Es war eine schöne Begleiterscheinung. Bei Rockstars oder Jan Ullrich ist das wiederum was anderes – eine andere Dimension. Aber auch bei mir gab es so Momente, in denen Du beim Einkaufen angesprochen wirst: Drei Tage nach der Tour ging ich mit meinem Sohn durchs Einkaufszentrum und eine Frau lobte mich für den Auftritt mit Monika Lierhaus. Das kam ab und zu vor und war auch schön. Wobei: Bei der Deutschland Tour war ich als Experte in Leipzig, hunderttausende Zuschauer waren vor Ort. Wenn Du dann von A nach B musstest – ich musste zum Flughafen – und an all den Leuten vorbei, dann wollten die natürlich Autogramme haben. Manchmal habe ich dann mein Handy genommen…

Und so getan, als ob du telefonierst…
Ja, was willst Du denn machen? Ich habe dann freundlich nach links und rechts genickt und ins leere Telefon reingesprochen. Wenn ich da durch gehe und den Leuten sagen würde, dass ich leider keine Zeit hätte, dann heißt es nur: „Der arrogante Herr Wüst!“ Da musst Du tierisch aufpassen, denn wenn ich eins nicht bin, dann ist das arrogant.

Hast Du noch Kontakte zur Profi-Szene?
Doch, schon. Ab und zu bin ich mit den Jungs von Trek unterwegs, da arbeitet noch ein Freund von mir. Ein paar Weggefährten aus vergangenen Tagen sind noch in den Teams beschäftigt, aktive Fahrer gibt es aber natürlich keine mehr. Der letzte war Jens Voigt, der alte Haudegen.

Man kann sagen: Ein Netzwerk aus alten Weggefährten. Man kennt sich, man hilft sich und man schätzt sich. Und ich glaube, der eine oder andere von denen trinkt auch gerne mal ein Bierchen mit mir.

Marcel Wüst im Interview

…mit eigener Sonnenbrille von Bigwave

Verfolgst Du die Rennen noch vorm TV bzw. vor Ort?
Die Monumente begeistern mich, vor allem: Flandernrundfahrt, Mailand-San Remo und Paris-Roubaix. Zu der Zeit bin ich fast immer auf Mallorca. Dass im TV zu schauen, ist für uns natürlich Pflicht. Ich schlag den Teilnehmern dann vor, dass wir früher losfahren, damit wir rechtzeitig zurück sind zum Rennen. Das sind so meine drei festen Termine. Ich kenne diese Rennen, bin sie alle gefahren, bin jetzt aber vor allem begeisterter Zuschauer. Diese Unvorhersehbarkeit reizt ungemein: Wie zum Beispiel Cancellaras Attacke gegen Tom Boonen, als sie Cancellara den Motor unterstellt hatten.

Für die Außenstehenden sicherlich interessant. Aber lustig zu sehen, dass die Telekomer Zabel und Aldag abends genauso einen Driss auf der Massagebank geredet haben wie wir.

Während bei der Tour das Ganze schon deutlich absehbarer ist. Das ist auch oftmals ein sehr schwieriger Job für die Kommentatoren: Eine Ausreißgruppe bricht gut 100 km vorm Ziel aus und hat 9 Minuten Vorsprung – da weißt Du als Kommentator, dass die eh vorm Ziel wieder eingeholt werden. Da gehe ich dann lieber nochmal zwei Stunden Radfahren und schaue mir die letzten 10 Minuten des Finales an. Aber, wenn man das mal selber gefahren ist und weiß wie die Abläufe sind, finde ich es eher langweilig. Die sportlichen Leistungen möchte ich aber nicht schmälern.

Genau wie übrigens der Film „Höllentour“ von Pepe Danquart. Ein super Film, richtig klasse gemacht. Alle meine Freunde fanden den super, für mich als Protagonist aber nichts besonderes. Für die Außenstehenden sicherlich interessant. Aber lustig zu sehen, dass die Telekomer Zabel und Aldag abends genauso einen Driss auf der Massagebank geredet haben wie wir. (lacht)

Ich finde übrigens, dass es aktuell kaum was langweiligeres gibt, als der Kampf um das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Nichts im Vergleich zu den Eintagesrennen oder auch der WM in Richmond mit Sagans Attacke.
Ja, so geht es mir auch. Und genau deswegen finde ich die Klassiker geiler zum Zuschauen. Bei langen Tour de France Übertragungen – auch bei einer Bergetappe – denke ich mir immer öfter, dass sie jetzt auch mal per Fast Forward zum letzten Berg vorspulen könnten und dann ist es wieder Mann gegen Mann.

Ich finde übrigens, man sollte die Tour revolutionieren nach der „Wüst-Methode“: Jeden Samstag vor Paris gibt es noch eine Bergetappe von ca. 140 km, mit zwei Pässen und einer Bergankunft. Und bei dieser vorletzten Etappe würde das Gelbe Trikot zuerst starten. Danach der zweite mit dem realen Zeitabstand. Das spannende wäre doch, dass dann der Zweitplatzierte mit den folgenden Fahrern vielleicht gemeinsame Sache macht – auf den Flachstücken wird dann zusammen gegen das Gelbe Trikot gearbeitet. Dann könnte auf einmal jeder noch theoretisch gewinnen, ein echtes Finale. Da muss man auf einmal während der Tour ganz anders taktieren, wenn man weiß, dass so eine Etappe am Ende wartet. Und dann würde ich auch auf dieser Etappe den Knopf im Ohr abschaffen. Ich fände das super, wenn am Ende noch mehrere gewinnen könnten.

Klingt auf jeden Fall spannend.
Es wäre der Rennradtag, den man nicht verpassen dürfte. Die Tour de France wird am vorletzten Tag entschieden.

Dein schlimmer Unfall ist jedem bekannt: Wie würde der Vater Marcel reagieren, wenn Sohn Alexander Radrofi werden will?
Junge, mach!

Ernsthaft?
Ja, logisch. Wenn er sagt, dass er die Lust hat, das Talent und es sein Traum wäre, dann muss er es unbedingt tun. Ich würde ihm aber sagen, dass er sich bewusst sein muss, dass es sehr harte Arbeit ist und er einiges an Opfern bringen muss. Das Finanzielle ist natürlich auch nicht zu vergleichen mit Profifußballern. Bei Real Madrid oder Barca verdient ein Profi im Schnitt 6,5 Million Euro – das verdienst Du als Radprofi natürlich bei weitem nicht.

Dein Sohn Alexander hat sich tatsächlich mal im Radsport probiert, richtig?
Er hatte sogar großes Talent. Du weißt aber wie das mit den Talenten ist: Die talentiertesten sind meistens die faulsten. (lacht)

Achtest Du noch drauf, schlank zu bleiben?
Ich esse eigentlich alles: Gummibärchen, Chips und Co. Ich habe aber einen super Stoffwechsel. Als der liebe Gott den perfekten Stoffwechsel kreiert hat, das war glaub ich meiner. Über den Winter nehme ich natürlich schon etwas zu, ab Frühjahr in der Casa auf Mallorca, geht das aber sehr schnell wieder runter.

Nein, kein doofes Gefühl. Damit habe ich komplett abgeschlossen, relativ schnell sogar. „Life must go on!“

Es ist mir wichtig, eine gute Figur zu haben, weil es natürlich auch für meinen Job notwendig ist bzgl. Glaubwürdigkeit. Ich kann ja keine Produkttests für die Procycling machen mit Plauze und speckigen Beinen, so wie Chris Boardman das am Schluss in der englischen Ausgabe gemacht hat. Er ist ja am Ende auch immer mit Beinlingen gefahren, weil er fette unrasierte Beine hatte. Wenn ich aus der Badewanne aussteige und mich vor den Spiegel stelle: Das Auge isst doch mit. Wenn Du an Dir runter guckst, und Du kannst deine Gemächt nicht mehr sehen, nein das kommt für mich nicht in Frage.

(wir lachen beide lauthals).

Hat sich mittlerweile, gut 15 Jahre sind vergangenen, Jean-Michel Thilloy bei Dir gemeldet?
Nein, ich mich aber auch nicht bei ihm.

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Hast Du dabei ein doofes Gefühl oder komplett damit abgeschlossen?
Nein, kein doofes Gefühl. Damit habe ich komplett abgeschlossen, relativ schnell sogar. „Life must go on!“

Es hat sich natürlich sehr vieles, sehr schnell geändert. Vor allem beruflich. Du weißt nicht wirklich, wohin die Reise geht. Als ich aber nach zwei Wochen im Krankenhaus, gegen Ende August, einen Anruf von Mr. Festina persönlich bekam, und der mir dann sagte, dass ich einer von ihnen sei und man mich nicht hängen lassen würde – meinen Zweijahresvertrag würde man auf jeden Fall erfüllen. Das war schon mal ein beruhigendes Gefühl, das Grundrauschen war damit sicher. Ich konnte die Zeit nach der Karriere planen. Ich weiß, dass es anderswo nicht so gewesen wäre, aber Festina ist ein inhabergeführtes Unternehmen. Er war passioniert, und er kannte meinen Einsatz für das Team – ich bin ja auch einer der wenigen, der trotz des damaligen Skandals, dort geblieben ist.

Es gab ja damals ein neues Management, es kam der Juan Fernández. Das Team kostete, nach einer harten Verhandlungsnacht, quasi nur noch die Hälfte. Dem Team wurde vorgegeben, was man noch verdienen könnte. Mein älterer Vertrag wurde aber noch respektiert. Einige der anderen Fahrer, die meines Erachtens eh überbezahlt waren, haben das Team verlassen.

Kanntet ihr die Gehälter untereinander?
Von 2-3 Fahrern im Team konnte man die Verträge schon über den Daumen peilen. Nicht auf den Cent genau. Ob das jetzt 30 Mio. Pesetas oder 32 Mio. Pesetas waren, das konnte man in etwas abschätzen. Was ein Alex Zülle oder Richard Virenque verdient haben, weiß ich aber nicht. Ist mir auch egal. Das ist auch ein typisch deutsches Ding: Keiner darf wissen, was ich verdiene.

In Schweden herrscht Transparenz.
Das wollte ich grade sagen. Und wenn einer mehr verdient als ich, dann bin ich noch nicht mal neidisch. Er ist eben besser oder hat es cleverer angestellt. Dann sage ich doch eher: Geiler Typ, von Dir kann ich was lernen!

Aber das ist schon ein krasses Tool, um Konkurrenzkampf zu schüren.
Ja, das ist recht ähnlich zu einem Profiteam. Bei der Tour fahren 9 Fahrer, ein Team hat aber 25 Fahrer. Und jeder der 25 Fahrer möchte die Tour fahren.

Warum fuhrst Du eigentlich nie für einen deutschen Rennstall?
Es gab ja nur einen, und die hatten den Zabel. Und sollte ich für ihn die Sprints anziehen? Lass mich überlegen: nein.

Du hast ihn doch zumindest hin und wieder besiegt?
Nein, ich weiß nicht. Mit dieser belgischen Riege bei Telekom – Godefroot und Pevenage –das war nicht meins. Seit 1993/1994 war mein Bedarf an belgisch, niederländischem Teammanagement gedeckt. Die Art und Weise, wie sie ihre Team führten, die Fahrer behandelten, das war nichts für mich. Die Masseure haben, während die Fahrer trainierten, in den Taschen nachgeschaut und gepetzt, wenn da z.B. Schokolade drin war.

Mit dieser belgischen Riege bei Telekom – Godefroot und Pevenage –das war nicht meins. Seit 1993/1994 war mein Bedarf an belgisch, niederländischem Teammanagement gedeckt.

Aber man muss schon sagen: Der erste Rennstall, der ab 2001 richtig dicke Gehälter gezahlt hat, das war Telekom – der erste Global Player. Und wer ist am 11. August 2000 auf den Kopf gefallen? Das war ich. Dumm gelaufen. (lacht)

Es geht mir ja trotzdem so weit gut. Ich habe das nie als unfair empfunden, weil andere jetzt mehr verdienen. Ich hätte ja mal bei Telekom anfragen können, vielleicht hätten sie mich ja genommen. Wer weiß…

Ich habe mich häufig gegen das Geld, und für das Glück entschieden. Als Radfahrer musst Du ja auch glücklich sein. (schmunzelt)

Du warst einer der erfolgreichsten Sprinter Deiner Zeit, in Deutschland wurde zur damaligen Zeit aber nur vom Team Telekom berichtet. Deine Erfolge tauchten als 3-Zeiler unter „Am Rande notiert“ auf. Das muss ein undankbares Gefühl gewesen sein?
Ja, natürlich. Ein Beispiel: 1999 war ich bei der Vuelta und habe in der ersten Woche vier Etappen gewonnen und habe zwei Tage das Goldene Trikot getragen. Bei einer Bergetappe habe ich das Trikot an Jan Ullrich verloren. Und an dem Tag, als Ulle in Gelb war, waren 20 deutsche Journalisten beim Zeitfahren vor Ort. Naja, ist klar. Ist Ulle, der hat die Tour gewonnen, später hatte er dann auch diese Vuelta gewonnen.

Bei einer Tour Etappe hatte ich 2000 knapp den Sieg verpasst, aber im Sprint Zabel geschlagen. Die Diskussion mit dem deutschen Reporter ist ja bekannt, Jahre später haben wir uns – wir waren dann Kollegen – wieder vertragen. Ist ja im Eifer des Gefechts passiert.

Erst als Du den schlimmen Unfall hattest, kamen die Medien auf Dich zu und wollten mit Deiner Story Auflage machen. Hiermit hätte ich persönlich ein Störgefühl gehabt.
Eigentlich waren sie seit der Tour 2000 etwas aufmerksamer, als ich im Bergtrikot und im Grünen Trikot war. Dazu kam noch der Etappensieg. Bei einer der Pressekonferenzen habe ich die deutschen Kollegen „angefahren“. Ich hatte bis dato 109 Rennen gewonnen, die meisten von denen hatte ich aber noch nie gesehen, keiner hatte mich je angerufen. Das fühlte sich doof an. Aber ich musste es loswerden, bin halt eine ehrliche Haut.

Kurz vor meinem Geburtstag gab es dann noch eine Meldung in der Tagesschau über meine Nichtnominierung für Olympia 2000, welche ich übrigens aus der Tagesschau um 20:13 Uhr erfahren habe. Auch so ein Thema: Nach Siegen gemessen, bist Du der zweiterfolgreichste. Was die damalige Weltrangliste anging, der dritterfolgreichste. Ist ja klar, Ulle und Zabel waren immer vor mir. Das die beiden dann mitgefahren sind, ist logisch, passte ja auch.

Andreas Klöden fuhr noch mit fürs Zeitfahren. Und dann wurden noch Jens Voigt und Rolf Aldag als Wasserträger nominiert. In anderen Ländern ist es aber so, dass man ausschließlich die besten mitnimmt. Das ich dann nicht mitfahren durfte, obwohl ich in allen Belangen zu den Top 3 gehörte, das war schon ein herber Schlag. Vor allem, weil die Olympischen Spiele in Australien waren.

Hättest Du Lust gehabt auf Australien?
Ganz klar. Australien und ich, das passt wie Arsch auf Eimer. Ein tolles Land. Nach der Tagesschau-Meldung ging bei mir natürlich das Telefon: Freunde und Bekannte riefen an. Eine unschöne Zeit. Auch die internen Diskussionen mit dem Verband, die das ja schon längere Zeit wussten, mich aber vorab nicht informiert hatten. Man könnte jetzt vielleicht sagen, dass das auf irgendeine energetische Art und Weise mit am Unfall Schuld gewesen ist – aber das ist jetzt auch zu weit hergeholt.

Marcel Wüst und Erik Zabel

Ein offenes Geheimnis, war das angespannte Verhältnis zwischen Erik Zabel und Dir. Könnt ihr Euch mittlerweile normal „Guten Tag“ sagen, wenn ihr Euch seht?
Ja, Guten Tag sagen wir uns. Damals bei der Tour de Neuss, bei einem Kriterium nach der Tour – das ist schon einige Jahr her – da habe ich dem Erik mein Buch geschenkt mit dem Verweis: „Früher war früher, jetzt ist jetzt. Menschen sind so wie sie sind, sie können sich ja auch weiterentwickeln.“ Man kennt ja die Geschichte, wo er mir auf dem Podium entgegenkam und mich keines Blickes würdigte. Wie im Kindergarten.

Würde ich mit Jens Voigt, Stuart O’Grady oder Robbie McEwan abends ein Bierchen trinken, hätten wir sicherlich viel Spaß – ob ich jetzt mit Ete so viel Spaß hätte, weiß ich nicht. Aber vielleicht liege ich da ja auch total falsch.

Hat sich in Deiner Wahrnehmung der heutige Sprintertyp zum Sprinter Deiner aktiven Zeit verändert?
Es ist der Hammer, wie gut die Sprinter heute die Berge hochfahren. Das fing aber damals auch schon an. Um Mailand-San Remo zu gewinnen, musstest Du den Poggio bezwingen. Dann fingen auf einmal die Sprinter an, das Rennen zu gewinnen: Zabel, Pettacchi oder Oscar Freire. Ich fand das immer sehr irritierend, dass diese Sprinter die ganzen Allrounder und Wasserträger bei diesem Anstieg abgehängt hatten. Ich konnte mir nie vorstellen, so schnell die Berge hochzufahren – aber ich wurde auch fürs Sprinten bezahlt.

Auch heute habe ich das Gefühl, dass die sehr gut die Berge hochfahren. André Greipel hat aber sicherlich seine Probleme. Der leidet richtig, hat ja auch eine Riesenmasse. Er ist für mich aber der Prototyp eines Sprinters. Mehr geht nicht. Cavendish ist ja eher klein und manchmal auch etwas speckig. Die Berge hoch braucht er wegen seiner Größe ein paar Watt weniger.

Kittel?
Eine absolute Kante. Degenkolb ist auch superschnell, ist aber kein reiner Sprinter. Eher so ein Zabel-Typ. Der ist zwar richtig schnell in den Bergen, wenn aber alle anderen Sprinter da sind, dann gewinnt er eher nicht. Naja, und dann gewinnt er letztes Jahr zweimal die Monumente. Wie geil war das denn? So läufts.

Wenn man mal ein anonymisiertes Buch machen würde, wo Kollegen über Kollegen schreiben, da würde was zusammenkommen.

Hast Du Dich sehr gefreut?
Natürlich, das ist die absolute Krönung.

Ich finde es sehr interessant, wie so ein Peloton funktioniert, bzw. deine Insights darüber.
Damit kann man definitiv ein Brockhaus füllen. 1999 war ich während der Vuelta mit Alex Zülle auf dem Zimmer, das waren Comedy-reife Gespräche. Zülle hatte ein paar Sekunden Rückstand auf Olano, ich mittlerweile schon mehr als eine Stunde. Während einer Bergetappe hatte ihm sein Bein etwas wehgetan, ich hatte aber gelitten wie ein Hund, mir taten beide Beine weh. Leid auf komplett unterschiedlichen Niveaus. Über den Zülle kannst Du echt ein Buch füllen. (lacht)

Wenn man mal ein anonymisiertes Buch machen würde, wo Kollegen über Kollegen schreiben, da würde was zusammenkommen.

Kann es sein, dass die Rundfahrer eher die spaßbefreiten sind und die Sprinter die verrückten lustigen Typen?
Ja, mal ein bildliches Beispiel: Wenn Du in die Kneipe gehst, sitzen links die Sprinter mit Steak, Fritten und Bier – und rechts die Klassementfahrer mit Wassermelone, Wasser ohne Kohlensäure und Salatblatt. Jetzt mal überspitzt ausgedrückt. Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Aber das hängt ja auch mit den Gegebenheiten unserer Jobs zusammen: Bei den Rundfahrern geht es um Gewicht und Leistungs-Output, bei uns vor allem um Schnellkraft und ein gutes Auge. Letzten Endes gewinnst Du als Sprinter doch auch deutlich häufiger: Das ist doch das schöne.

Wenn Du in die Kneipe gehst, sitzen links die Sprinter mit Steak, Fritten und Bier – und rechts die Klassementfahrer mit Wassermelone, Wasser ohne Kohlensäure und Salatblatt. Jetzt mal überspitzt ausgedrückt.

Eigentlich ist der Sprinter doch der coole Radfahrer: sieht einigermaßen normal aus und gewinnt die meisten Rennen.
Voilà, meine Rede. Wir sehen übrigens fantastisch aus, lachen am meisten und trinken am meisten Bier. (lacht)

Ich sage ja immer, dass die Sprinter die wahren Helden der Tour sind. Schau Dir mal die erste Tourwoche an: Die ist ja meistens sehr sprinterlastig. Du musst jeden Tag am Limit fahren: Es geht um Etappensiege. In dieser Zeit fahren die ganzen Gesamtwertungsfahrer extrem kräfteschonend im Windschatten ihrer Teamkollegen. Sie haben zwar eine gewisse Nervosität wegen der erhöhten Sturzgefahr, aber noch keinen Ergebnisdruck. In dieser Zeit fahren sie also im Windschatten von A nach B – wir Sprinter kotzen uns mittlerweile aber schon volle Kanne aus. Jeden Tag. Nach neun Tagen sind dann in etwa die Berge dran: Nun kommen die ganzen ausgeruhten Federgewichte, und fahren uns in Grund und Boden. Und wir müssen dann etwas tun, wofür wir genetisch gesehen, gar nicht in der Lage sind: In die Berge fahren.

Warum eigentlich? Du hast damals 72 kg gewogen, das ist jetzt auch nicht so viel.
Schaue Dir einfach mal den Vergleich in der Leichtathletik an. Die Sprinter mit richtig viel Schnellkraft, die totalen Bullen: Linford Christie und wie sie alle hießen. Dann schau Dir die Mitteldistanzler an und dann die Marathonläufer. Je länger die Distanz, desto dünner die Athleten. Und jetzt stell Dir mal vor, dass solche Sprinter wie Linford Christie erst mal einen Marathon laufen müssen, um dann sprinten zu können – so ist das bei uns Radprofis. Bevor wir sprinten, müssen wir erst 200 km mit den „Marathonläufern“ mitfahren. Sag dem Linford Christie also mal, dass er zwei Stunden mit dem Gebrselassie mitlaufen soll, um dann zum Sprint anzusetzen. (lacht)

Hättest Du gegen einen Marcel Kittel mit seinen 85 kg eine Chance?
Nein, das glaube ich nicht. Wobei, vielleicht. Das hängt ja von so vielen Faktoren ab.

Ich meinte jetzt Mann gegen Mann.
Nein, da hätte ich keine Chance. Weil er so einen schönen Namen hat, würde ich ihn gewinnen lassen.

Mit der Casa Ciclista auf Mallorca hast Du Dir nach der aktiven Karriere ein veritables Business aufgebaut. Was macht diese Insel so l(i)ebenswert für Dich?
Die Dinge, die jeder so toll an Mallorca findet: super Landschaft, gutes Klima, top Erreichbarkeit. Für uns Radfahrer eine tolle Infrastruktur, was die Strecken anbelangt. Eigentlich gibt es keinen besseren Ort. Während meiner aktiven Karriere habe ich ja schon im Winter auf Mallorca gewohnt.

Damals schon? In der Casa Ciclista?
Nein. Die Casa Ciclista gibt es seit 2007. Damals hatten wir eine Finca angemietet.

Bist Du im Winter auf Mallorca alleine gefahren oder mit Teamkollegen?
Eher alleine. Ich hatte meine Trainingsstruktur. Meinen Trainingsplan hatte ich mir flexibel Woche für Woche selber aufgestellt. Wenn ich mit einem trainiert hatte, dann war das Toni, ein Mallorquiner, der in Santa Margalida wohnte. Wir haben uns öfter auf der Straße zwischen Felanitx und Petra getroffen. Unser Training war sehr intensiv, wir haben sogenannte Kilometersteinrennen gemacht: zuerst der eine mit Vollgas einen Kilometer im Wind und dann andersrum. Nach den Trainings mit Toni hatte ich regelmäßig einen 35er-Schnitt. (schmunzelt)

Du bist in den Radsportwochen selber zugegen und wohnst mit den Teilnehmern in der Casa Ciclista. Kocht Marcel dann auch mal und fährt morgens die Brötchen einkaufen?
Ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Man kommt quasi zu mir nach Hause. Man wohnt bei mir. Jeder Gast hat natürlich sein eigenes Zimmer und Badezimmer, oder teilt sich dieses mit einem Kumpel. Es gibt den ganzen Komfort wie zu Hause: Espressomaschine, frisches Obst – wie zu Hause heißt auch: Wenn man mal Lust auf Haribo hat, dann nimmt man sich einfach die Haribo, die da rumliegen. Es ist alles da, auch ein guter Wein bzw. mehrere Weine, wenn wir mal etwas mehr Durst haben. Die Radklamotten werden natürlich auch täglich gewaschen.

Habt ihr auch einen Kühlschrank, aus dem sich die Gäste frei bedienen können?
Wir haben in Summe fünf Kühlschränke. Draußen haben wir einen, der ist immer mit San Miguel und kaltem Weißwein gefüllt. Manchmal helfen mir auch die Gäste beim Zubereiten des Essens – wenn sie Lust dazu haben. Ich schneide dann das Gemüse und der Gast deckt den Tisch oder übernimmt eine andere Aufgabe. Es ist einfach ein schönes Miteinander.

Entstehen dort auch Freundschaften?
Fast nur. Häufig finden sich auch Gruppen. Die kannten sich vorher gar nicht und kommen dann im nächsten Jahr in der gleichen Besetzung wieder. Das ist schön. Es gibt durchaus Freundschaften unter den Gästen aber auch mit mir, wo man sich privat mal trifft und telefoniert. Das ist eher die Regel, als die Ausnahme.

Das klingt alles sehr entspannt.
Das ist es auch. Ich habe keinen Bock auf Stress.

Als kleine Motivationsspritze für uns: Kannst Du uns verraten, für welchen Anstieg mit 5 km Länge und 400 hm Du zu Bestzeiten knapp 14 Minuten gebraucht hast? Die Info habe ich aus Deinem SPIEGEL Interview 2001.
Das war in San Salvador von Felanitx kommend. Exakt 13:37 Minuten. Das war aber während eines Trainings. In einem offiziellen Rennen wäre ich wahrscheinlich in ca. 12 Minuten Zeit hochgefahren. Bergfahrer wie Contador oder Froome sicherlich in 10 Minuten.

Wie lange brauchst Du für Sa Calobra?
Vor drei Jahren bin ich da mal auf Zeit hochgefahren. Die Zeit weiß ich aber nicht mehr genau. Das müsste in etwa eine halbe Stunde gewesen sein, wäre das ok?

Das ist definitiv schnell. Du bist im März in der Casa Ciclista. Treffen wir uns mal auf einen Kaffee?
Natürlich, Du bist herzlich eingeladen. Die Espressomaschine ist immer an. Da bekommst Du mal einen vernünftigen Kaffee mit frischen Moxa-Bohnen, nicht diesen Hotelkaffee. (lacht)

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