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Kai Rapp, Chef-Organisator vom Garmin Velothon Berlin und der Vattenfall Cyclassics, im Interview

by Daniel

Als Chef der Deutschland Tour war Kai Rapp in den 2000er Jahren mittendrin statt nur dabei. Mit Jan Ullrich, dem Team Telekom und einer ganzen Radsportnation auf Wolke sieben und dann, nach den bekannten Doping-Geschehnissen um das Team Telekom, die rasante Abfahrt in den Keller. Radsport war in Deutschland von der öffentlichen Bildfläche verschwunden – die Deutschland Tour vor dem Aus. Nach deren Ende übernahm Kai Rapp andere Funktionen bei dem die Deutschland Tour veranstaltenden Mutterunternehmen Lagardère Unlimited Events (ehemals upsolut) und verantwortet seit letztem November die aktuell größten Jedermannrennen Europas: Die Vattenfall Cyclassics in Hamburg und der Garmin Velothon in Berlin. In 2014 hatten diese beiden Rennen zusammen 35.000 Teilnehmer. Wahnsinn.

Ich bin sehr gespannt, auf das Gespräch mit dem Chef-Organisator. Ich überlege übrigens sehr stark bis spätestens nächstes Jahr dort mal an den Start zu gehen. Aufgrund der Topographie sowie meiner Statur eher vorteilhaft für mich, im Gegensatz zu den höhenmeterlastigen Alpen-Radmarathons.

Vattenfall Cyclassics

Speed-Ville.de: Hallo Kai, du bist Head of Operations Germany bei Lagardère Unlimited Events und bereits seit den 90ern im Radsport als Organisator und Veranstalter aktiv. Bist du selber auch aktiver Rennradfahrer? Auf wie viele Kilometer kommst du noch im Jahr?

Ich bin leidenschaftlicher, eigentlich sogar süchtiger Radfahrer, was sich aber nicht nur auf das Rennrad beschränkt. Ich habe mich zu Weihnachten mit einem MTB beschenkt und durchpflüge diese Saison mehr den Himalaya Hamburgs, als Rennradkilometer zu sammeln. Ansonsten geht’s täglich zur Arbeit mit dem Crosser. Alles zusammen komme ich auf geschätzte 4.000 km. Aufgrund meiner fehlenden Radrennsport-Karriere würde mich als klassischen Jedermann bezeichnen.

Speed-Ville.de: Wo führen deine Touren in Hamburg exakt entlang?

Wie gesagt, derzeit viel mit dem MTB in den Harburger Bergen, ansonsten im Norden Hamburgs mit der Kisdorfer Runde oder über den Klingberg und über Umwege zurück nach Alsterdorf. Wenn wir im Sommer gemeinsam nach der Arbeit fahren, geht’s aus geografischen Gründen immer in den Westen: Haseldorfer Runde bevor wir uns bei Kösterberg-und Teufelsbrück-Sprints gegenseitig den Garaus machen. Wir schaffen es einfach nicht, ein einziges Mal entspannt bis zum Ende zu fahren.

Speed-Ville.de: Vor deinem Einstieg bei Lagardère warst du Organisator der Deutschland-Tour und hast die „Boom-Jahre“ des Radsports in Deutschland um Jan Ullrich hautnah miterlebt. Wie war die Zeit rückblickend für dich? Was ist „hängengeblieben“?

Wir haben die Auf und Abs mit allen Facetten miterleben dürfen. Es gibt dabei immer zwei verschiedene Sichtweisen: die private und die berufliche. Als Privatmensch bin ich bei Jan Ullrichs Erfolgen und die des Team Telekom regelrecht durchgedreht, habe mit Kollegen und Freunden den Fernseher angeschrien, um einen absoluten Ausnahmesportler oder einen seiner Mannschaftskollegen quasi in Ziel zu tragen. Wenn ich ehrlich bin: diese positiven Erinnerungen sind auch im Nachhinein nicht getrübt worden, denn es hat mich damals glücklich gemacht und es hat mich inspiriert selber auf das Rennrad zu steigen, auf dem ich jetzt immer noch gerne fahre.

Aus beruflicher Sicht verhält es sich anders: dort wollte ich immer Distanz wahren, um hundertprozentig neutral sein zu können. Das hat mir geholfen für die Firma überlebensnotwendige Maßnahmen zu treffen, die ich privat nie getroffen hätte. Auch konnte ich so den Niedergang professionell verarbeiten. Bitter war es trotzdem eine Rundfahrtgesellschaft liquidieren zu müssen, in deren Aufbau man mit seinem Team so unglaublich viel Arbeit und Leidenschaft gesteckt hatte. Es ist aber trotzdem kein Verdruss geblieben, dafür liebe ich den Radsport zu sehr und ich darf ja noch immer für ihn arbeiten.

Speed-Ville.de: Wer so lange im Geschäft ist wie du, hat viel Kommen und Gehen sehen. Glaubst du an eine „Wiederauferstehung“ des Radsports in Deutschland – die ARD überträgt die Tour de France 2015 wieder im TV.

Ich glaube zunächst extrem an die Zukunft des Radfahrens. Niemand wird die Entwicklung des Fahrrades als Verkehrsmittel und dann auch weiter zunehmend als Sportgerät aufhalten können. Wir befinden uns noch am Anfang einer Entwicklung, die großartige Veränderungen mit sich bringen wird. Dies wird sich auch auf die Wertschätzung der Bürger in Bezug auf den Radrennsport auswirken. In anderen Worten: ja, ich glaube fest daran.

Speed-Ville.de: Kommen wir zu Euren Mega-Events: Ihr veranstaltet mit dem Vattenfall Cyclassics und dem Garmin Velothon Berlin die größten Jedermannrennen Europas. Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung dieser beiden Rennen?

Wir sind grundsätzlich zufrieden mit der Entwicklung, müssen uns aber eingestehen, dass beide Veranstaltungen noch mehr Potential haben. Speziell Berlin hätte mit seinem Hauptsstadt-Bonus und seiner aufregenden Geschichte, das Zeug zum größten Fahrradfestival der Welt. Wir feilen bei beiden Projekten an dem Konzept und es wird schon im nächsten Jahr größere Änderungen geben. Speziell möchten wir noch mehr Radfahrer ansprechen, die Radsporteinsteiger sind, bzw. noch gar nicht wissen, dass sie bald Radsporteinsteiger sein werden!

Speed-Ville.de: Ich selber bin zwar noch nicht bei Euren Rennen an den Start gegangen – überlege aber spätestens nächstes Jahr mal mitzumachen. Was macht die Faszination der beiden Rennen aus deiner Sicht aus? Ambiente? Stimmung? Die vielen Teilnehmer?

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Aus meiner persönlichen Sicht ist es diese Masse an Gleichgesinnten, diese geballte Radsportenergie. Es gibt auch sehr schöne kleinere Veranstaltungen, aber die Größe der Vattenfall Cyclassics oder des Garmin Velothon Berlin gepaart mit der Anfeuerung der Zuschauermassen ist schon sehr speziell. Wenn ich beim Start einmal keine Gänsehaut mehr bekommen würde, müsste ich meinen Job quittieren. Die Profirennen sind für mich als begeisterten Radsportfan natürlich das Sahnehäubchen.

Speed-Ville.de: Ist es mittlerweile schwieriger geworden ein abgesperrtes Radrennen in einer deutschen Großstadt zu organisieren oder noch vergleichbar mit vor 10 Jahren?

Dies ist etwas, was nur meine Kollegen aus der Streckenabteilung beurteilen können. Sie haben mir gegenüber nicht derartiges artikuliert, was aber auch damit zusammenhängen könnte, dass die Herren grundsätzlich sehr leidensfähig sind. Ich denke allerdings, dass die Streckenabteilung bei uns seit zwei Jahrzehnten einen ausgezeichneten Job macht und wir bei den deutschen Behörden deshalb einen sehr guten Ruf genießen. Grundsätzlich haben wir viele Freunde und Unterstützer in den Behörden, nicht zuletzt weil wir ihn zu verstehen geben, dass wir ihre Probleme und Handlungseinschränkungen nachvollziehen und verstehen können. Es gibt grundsätzlich einen hohen gegenseitigen Respekt und ein positives Miteinander. Darüber freuen wir uns ganz aufrichtig.

Speed-Ville.de: Ihr schreibt auf Eurer Webseite, dass ihr Eure Events in die Metropolen Europas tragt – seit Anfang des Jahrzehnts gibt es den Rennrad-Boom in UK. Wäre das nicht ein interessantes Thema für Euch?

In UK haben wir gemeinsam mit dem britischen Verband bereits 2011 einen Velothon ausgeschrieben. Es geht dort nicht anders, als in Verbindung mit dem Verband, da wir in dessen Major-Events-Strategie eingepasst werden mussten. Letztendlich vergibt British Cycling ja auch die Lizenz für ein Profirennen. Es hat also unglaublich lange gedauert, aber in einem Monat werden wir den Velothon Wales mit Start und Ziel in Cardiff veranstalten. Die Veranstaltung war in drei Wochen mit 15.000 Teilnehmern ausverkauft. Das ist auch nötig, denn die Streckensperrungen sind in UK unglaublich teuer.

Speed-Ville.de: Ich selber wohne in München. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Großstädten gibt es in München kein Radrennen. Butter bei die Fische: Wann können wir in München endlich ein großes Jedermannrennen feiern? Scheitert es aktuell an den Auflagen? Ich nehme mal an, dass München nach Berlin und Hamburg ganz oben bei Euch auf dem Zettel steht.

Ich hatte das Velothon-Projekt schon im Jahr 2010 dem damaligen Oberbürgermeister Christian Ude vorgestellt. Der OB war damals persönlich Feuer und Flamme. Ich wurde aber schon direkt nach dem Verlassen des Bürgermeisterbüros von einem Referenten zur Seite genommen und darauf hingewiesen, dass ich mir trotz aller Euphorie von Herrn Ude, keine falsche Hoffnungen machen solle. Das hat sich in späteren Gesprächen mit verschiedenen Behördenvertretern leider bewahrheitet. Wir haben dann schnell die Finger davon gelassen und waren etwas verwundert, als uns das Sportamt später zu einer Ausschreibung einlud, die wesentliche Züge unseres Konzeptes trug. Ein sehr geschätzter Hamburger Veranstalter-Kollege hat dann jahrelang versucht den Event zum Rollen zu bringen, was ihm aber nicht nur Freude bereitet hat. Wie sagt man? München ist ein schwieriges Pflaster.

Speed-Ville.de: Du bist bekannt aus deiner Zeit als Chef der Deutschland Tour für deine harte Linie gegen Doper. Leider kam es auch jüngst bei Jedermannrennen vermehrt zu Dopingvorfällen. Dem österreichischen Top-Fahrer Emanuel Nösig wurde z.B. die Startlizenz für 2 Jahre entzogen. 

Wie geht ihr als Veranstalter mit dem niemals endenden Thema Doping um? Kommen Dopingtests bei Euren Jedermannrennen, so wie beim GFNY durchgeführt, für dich in Frage?

Das ist ein komplexes Thema, was ich nicht mit ein paar Zeilen beantworten kann. Aufgrund meiner Vergangenheit als Deutschland Tour Direktor, habe ich ein gewisses Grundwissen, was Doping-Regularien angeht. Und ich habe auch mein damaliges Handeln, bei dem ich nicht selten den Kompetenzrahmen eines Veranstalters verlassen habe, einer selbstkritischen Prüfung unterzogen. Daher versuche ich einmal in Kürze zusammenzufassen, warum wir als Veranstalter nicht mal so eben ein paar Doping-Tests für die Galerie durchführen werden:

  • Der Radsportweltverband, wie auch Bund Deutscher Radfahrer haben seit geraumer Zeit auch die Breitensportveranstaltungen / „Cycling for all“ in ihren Statuten. Für sie existieren nur sehr knappe Abhandlungen, die im übrigen keine Antidoping-Regularien beinhalten. D.h., es gibt für nicht lizensierte Radfahrer keine Richtwerte. Man könnte genauso gut einen Radfahrer am Straßenrand anhalten und ihn testen. Für ihn und für einen unlizensierten Jedermann-Rennen-Teilnehmer gibt es keine Regeln und keine Gerichtsbarkeit. Er kann im Grunde tun, was er möchte, sobald er nicht gegen aktuelle Betäubungs- oder Arzneimittelgesetze verstößt.
  • Dopingtests machen nur dann Sinn, wenn sie von unabhängigen Institutionen durchgeführt werden. Es wäre absurd, wenn Veranstalter Tests auf eigene Faust durchführen würden. In der Regel ist ein Veranstalter doch bemüht, seine Veranstaltung von Skandalen unbeschadet durchzuführen.

Was wir aber tun:

  • Wir versuchen alle Mittel auszuschöpfen, die uns als Veranstalter zur Verfügung stehen. D.h., wir versuchen die Motivation sich selbst zu betrügen in verschiedensten Bereichen durch diverse Maßnahmen zu reduzieren. Den sogenannten Sieg gibt es bei unseren Veranstaltungen kommunikativ nicht, sprich er wird von uns in keiner Weise proaktiv erwähnt. Grundsätzlich gibt es daher auch keine Preisgelder oder Siegerehrungen. Wir wissen, dass der BDR viele seiner Regularien auf Basis unserer Ausschreibungen erstellt hat.  In Wien haben wir testweise einen Velothon ohne  Zeitnahme aus der Taufe gehoben. In Hamburg wird seit diesem Jahr ebenfalls ein „Hamburg Ride“ ohne Zeitnahme angeboten. Auch werden die Strecken immer wieder marginal geändert, um den Zeitvergleich mit dem Vorjahresergebnis zu erschweren. Dieses Jahr erwägen wir vor und nach den Verpflegungszonen Zeitmatten zu installieren, damit die Nettozeit der Teilnehmer nicht unter der für die Verpflegung in Anspruch genommene Zeit „leidet“. In anderen Worten, wir versuchen den selbst auferlegten Druck zu reduzieren und den Socialising-Aspekt unserer Veranstaltungen herauszukehren.
  • Wir kommunizieren offen unsere Ansicht, dass Wettkampfsport in den Vereinen durchzuführen ist. Dies drücken wir immer wieder aus (siehe Link), wird auch durch unser o.a. Reglement gelebt und wird durch unseren Sportlichen Leiter per Namenskontrolle der vorderen Startblöcke überprüft. Denn problematisch sind Fahrer, die auf A- oder B-Lizenzniveau fahren, ihre Lizenz aber bewusst abgegeben/aufgelöst haben.
  • Wir arbeiten derzeit an dem Thema gemeinsam mit anderen internationalen Veranstaltern und lassen gerade juristisch prüfen, ob es eine Möglichkeit gibt, dass man als Veranstalter den Teilnehmer in Regress wg. Rufschädigung der Veranstaltung nehmen, bzw. sanktionieren kann, wenn man ihn testen und als positiv überführen würde. Wichtig ist, dass alles, was man unternimmt, Hand und Fuß hat und nicht nur der oberflächlichen Imagepflege dient.
  • Last but not least: Unser Eindruck nach diversen Online-Meinungsumfragen ist folgender: Das Gros unserer insgesamt 35.000 Teilnehmer möchte einfach nur auf abgesperrten Straßen sportlich oder auch weniger sportlich durch seine Stadt und Umgebung fahren. Wir wissen auch, dass diese Teilnehmer kein Interesse haben sich völlig unbetroffen mit dem Thema Doping zu beschäftigen, geschweige bei der Ausübung ihrer geliebten Freizeitbeschäftigung mit Doping und Dopern durch Kontrollen in Verbindung gebracht zu werden. Unsere Kernkundschaft interessiert sich weder übermäßig für Profisport und noch weniger für die wenigen Hundert ambitionierten Radrennsportler, die um die wenigen vorderen Ränge fahren.

Speed-Ville.de: Danke für das Interview lieber Kai. Viel Erfolg dir und dem ganzen Lagardère-Team für den Garmin Velothon Berlin jetzt am kommenden Wochenende! 

Fotos: Cyclassics Hamburg, Ironman

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3 comments

10 Gründe, warum Rennradfahren die schönste Sucht ist! 2. Juni 2015 - 21:17

[…] von Jan Ullrich, oder die Organisatoren der großen Jedermannrennen Uli Fuhme (GFNY) oder Kai Rapp (Garmin Velothon, Vattenfall Cyclassics) – es wird sich ganz unkompliziert geduzt und über die Sache geredet. […]

Matthias Brändle: So war die erste Tour de France! 10. August 2015 - 12:26

[…] werde ich im August noch in Hamburg starten bei den Cyclassics. Da haben wir mit Haussler einen Fahrer, der am Schluss „was reißen“ kann – da wird meine […]

Keine Gnade für Ex-Doper? Was meinst du? 19. August 2015 - 21:33

[…] noch bekannte Gesichter aus der Rennradszene zu dem Thema wie Othmar Peer (Ötztaler Moderator), Kai Rapp (Organisator Cyclassics, Garmin Velothon) und Marc Bathor (Nachrichtensprecher und […]

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