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Jan Ullrichs Manager, Ole Ternes, im Interview

by Daniel

Als Jan Ullrich 1997 Andorra stürmte und daraufhin die Tour de France gewann, war ich 19 Jahre alt und sofort gefangen im Radsport-Fieber. Mit Rennradfahren hatte ich zu dieser Zeit nichts zu tun, war aber prompt begeistert von dieser Sportart, die Kraft, Taktik aber auch Eleganz vereinte. Eine perfekte Kombination. Der junge Mann aus Rostock mit dem Deutschlandtrikot, der gefühlt im viel zu hohen Gang die Berge der Tour de France hochpreschte, war in aller Munde.  6 Jahre später, zwischenzeitlich 2003, war die halbe Nation immer noch im Jan Ullrich Fieber. Dieses Mal duellierte sich Jan im grünen Bianchi Trikot mit dem zu der Zeit 4-maligen Tour de France Gewinner Lance Armstrong aus Texas, USA. Adrenalin pur.

In der jüngeren Vergangenheit tauchte Jan Ullrich, wieder ganz vital und gewichtsreduziert, bei Jedermann Events auf wie z.B. dem Ötztaler Radmarathon. Seine Zeit von 7:36h in 2014 ist mehr als beeindruckend.

Ganz offen gesprochen, war es eins meiner obersten Ziele als ich diesen Blog startete, einmal mit Jan Ullrich oder seinem unmittelbaren Umfeld ein Interview führen zu dürfen. Daher freue ich mich wirklich wie ein Schnitzel, Euch heute das Interview mit Ole Ternes, Jan Ullrich’s Manager, Vertrauter und enger Freund, zu präsentieren. Eine ganz besondere Ehre für mich. Das Interview haben wir letzte Woche vor der Karnevalszeit durchgeführt.

Auf geht’s.

Speed-Ville.de: Hallo Ole. Schön, dass es geklappt hat und du dich für das Interview zur Verfügung stellst. Seit wann betreust du Jan Ullrich? Wie kam der Kontakt zustande?
Jan kenne ich schon eine Weile, bereits zu aktiven Zeiten.

Später dann intensiver während des Alpecin Sponsorings, da wir von livewelt gleich zu Beginn Alpecin im Radsport begleitet haben.

Beim Bruch mit der Agentur Charly Steeb haben wir uns beide dann für die Zusammenarbeit entschieden.

Speed-Ville.de: Was sind aktuell deine Themen als Manager von Jan Ullrich? Was sind die Hauptschwerpunkte Eurer Zusammenarbeit? Gibt es neue Tendenzen/Trends?
Wichtig war erst mal, dass wir Jan da hin positionieren, wo er als deutscher Sportler hingehört, und zwar neben die verschiedenen Sportlegenden.

Man könnte es „Markenpositionierung“ nennen. Das ist auch eine Bezeichnung im Fachjargon. Also die Marke „Jan Ullrich“ wieder an die richtige Stelle zu positionieren.

Darüber hinaus ist es sehr wichtig, Glaubwürdigkeit auf allen Kanälen zu produzieren. Wir wissen um die Vergangenheit, schauen aber geradeaus in die Zukunft.

Wir haben starke nationale aber auch sehr interessante internationale Partner und Sponsoren. Außerdem gibt es regelmäßige Anfragen in Sachen PR, und Events. Das erfreut uns besonders. Gerade bei TV-Sendern besteht ein großes Interesse an der Person Jan Ullrich. Wir bekommen zahlreiche Anfragen für Interviews und verschiedenste TV-Formate. Außenauftritte & Events bei verschiedenen Zielgruppen runden das Ganze ab.

Wir haben schon ein bisschen Zeit benötigt, Jan „step by step“ dorthin zu beraten, dass er sich vor allem auch persönlich in dieser Rolle sieht und authentisch in der Öffentlichkeit rüberkommt.

Speed-Ville.de: Die Profi-Rennradsaison 2015 ist bereits gestartet und der deutsche Radsport kehrt mit dem Team Giant-Alpecin auf die Bildfläche zurück. Wie nehmt ihr die aktuellen Entwicklungen im Profi-Rennrad Bereich wahr? Kommt der Sport wieder zurück unter die Top 3 Sportarten wie zu Zeiten von Jan Ullrich?
Die Entwicklungen sind positiv und gut – gerade global gesehen. Das spüren wir, vor allem auch im Jedermann Bereich. Insbesondere in Asien oder Amerika.

Deutschland kriecht leider noch ein wenig hinterher und wird mit dem Profiradsport im eigenen Land nicht sehr stark wahrgenommen. Schauen wir einmal was passiert, nach dem TV Einstieg von ARD – es ist jedem selber überlassen, ob er im TV auf seiner Fernbedienung umschaltet…!

Was das Radsport-Business anbelangt: Radsport funktioniert nur dann, wenn große Konzerne mit Macht in der ganzheitlichen Kommunikation online und offline einsteigen.

Sportsponsoring muss immer als eine Maßnahme im Kommunikations-Mix eingebunden werden und kann nicht als Einzeldisziplin funktionieren. Es ist alles nicht mehr ganz so einfach in Zeiten von Unternehmenszielen und Unternehmenszahlen.

Da gibt es bis heute nur Telekom (National & International), die das Thema Sportsponsoring im Radsport verstanden hat. Aber auch nur, weil das Budget langfristig zur Verfügung stand und die Ziele im Vorfeld klar definiert waren.

Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass die ausländischen Firmen an einem Jan Ullrich Sponsoring mehr interessiert sind als unsere Firmen in Deutschland.

Wobei Storck oder Lightweight Jan die Treue halten, das macht Spaß. Vielen Dank an dieser Stelle noch mal.

Speed-Ville.de: Wie schaut der Alltag aus von Jan Ullrich? Wie viel trainiert er eigentlich noch?
Jan macht 2-3x die Woche Sport, dazu gehören morgens Liegestütze und Sit-ups ;-)

Dazu kommt 1-2x pro Woche ein Fitnesscoach. Dieser trainiert speziell Bauch- und Rückenmuskulatur und gibt ihm weitere hilfreiche Tipps. Denn leider hat Jan hier große Rückenprobleme, was bei Ex-Profis durchaus normal ist.

Im Winter fährt Jan 2 x pro Woche in der Höhenkammer. 2014 waren es insgesamt ca. 10.000 – 12.000 Gesamtkilometer auf der Straße und im Keller.

Sonst steht an erster Stelle die Familie!

Sport und Radfahren ist sein Lebenselixier, was er jetzt wieder erkannt hat – ohne geht es nicht. Das stärkt Selbstbewusstsein und Seele aber auch den Kontakt zur Szene.

Zwischenfrage: warum trainiert er in der Höhenkammer? Was bringt ihm das? Hat er eine Höhenkammer im Haus?
Ja, Jan hat im Keller eine Höhenkammer – diese aber schon seit seiner aktiven Zeit.

Diese funktioniert nicht durch Unterdruck sondern ist ein kompliziertes System… Schwierig zu erklären an dieser Stelle. Jan besitzt auch Anteile an dieser Entwicklung und dem Unternehmen.

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Diese Art von Training bringt ihn auf eine Höhe zwischen 2.600 und 3.500 Metern, hier beginnt der Körper zu arbeiten.

Er kann dadurch schneller Form aufbauen.

Speed-Ville.de: Mein Rennrad-Blog richtet sich an die „Jedermänner“ in Deutschland. Jan Ullrich ist in der jüngeren Vergangenheit auch bei dem einen oder anderen Amateurrennen angetreten. Wie z.B. dem Ötztaler Radmarathon. Was motiviert ihn noch, sich so zu quälen? Weißt du wie viel Jan Ullrich speziell auf den Ötztaler hintrainiert? Seine Zeit in 2014 von 7:36h ist für mich sehr beeindruckend. Beim Ex-Kollegen Jörg Ludewig weiß man, dass Lude sich nur wenige Wochen auf die Radmarathons vorbereitet hat – dennoch meist auf dem Podium stand.
Jan Ullrich ist ein unglaubliches Phänomen. Damit meine ich, dass er nur wenige Radkilometer benötigt um schnell fit zu werden. Er trainiert wenig lange Umfänge und nicht viele Stunden – im Gegensatz zum Lude. Jörg benötigt mehrere „lange“ Dinger und viele harte Belastungen, um die Form zu bekommen.

Da muss sich ein Jan weniger quälen.

Jan fängt genau 5 Wochen vor dem Ötzi an zu trainieren und dann 3 Wochen im Vorfeld einen Block mit 5-6 Stunden. 5 Tage vor dem Ötzi macht er Pause.

Das reicht auch für eine Zeit von 7:15h, wenn er nicht überall anhalten und quatschen – bzw. trinken und essen würde ;-)

Speed-Ville.de: Man sieht Euch auf Facebook zusammen beim Skifahren. Hand aufs Herz: wer ist der bessere Skifahrer?
Wir waren in 2014/2015 öfters unterwegs, was auch der Freundschaft geschuldet ist, nicht nur der Zusammenarbeit.

Wer ist der bessere Skifahrer? Jan fährt den Berg runter mit den Ski wie mit dem Rennrad – also geradeaus und schnell.

Ich hänge mich einmal aus dem Fenster und sage, dass ich technisch schon gut fahre.

Man muss auch wissen, dass Jan erst mit 32 angefangen hat und ich schon sehr früh Skirennen im Verbandskader des WSV gefahren bin.

Speed-Ville.de: Hat Jan Ullrich das Bestreben wieder in den Profi-Radsport zurückzukehren? Als z.B. Funktionär?
Nein. Da beseht kein Interesse.

Speed-Ville.de: Ich selber habe die Bücher von Lance Armstrong („Tour des Lebens“), David Millar („Vollblutrennfahrer“) oder Tyler Hamilton („Die Radsport-Mafia“) förmlich „verschlungen“. Die Einblicke, die man bekommt sind sehr interessant für uns „Jedermänner“ aber auch teilweise beängstigend.

Wann gibt es das Buch von Jan Ullrich mit dem Ziel reinen Tisch zu machen.
Vielleicht gibt es in dieser Richtung etwas – wir denken drüber nach. Ideen gibt es viele – sogar ein Kinofilm.

Darauf „reinen Tisch“ zu machen wird man immer angesprochen. Aber was will wer hören? Jede Sportredaktion sagt zu mir, wenn Jan kommt und spricht „wird sofort Platz gemacht“ im TV Studio.

Ich glaube schon, dass die meisten aufgeklärt sind, wie das System im Profi-Sport funktioniert. Das war schon vor 40 Jahren so – und so wird es immer bleiben. Da hat nicht nur der Sportler schuld.

Speed-Ville.de: Als Lance Armstrong Anfang 2013 sein Interview bei Oprah Winfrey hatte und offen gestand jahrelang betrogen zu haben, gab es ein Erdbeben in der Radsportwelt. Wie erging es Jan Ullrich damals als er vom Interview erfuhr? War er betroffen? Habt ihr Euch nach dem Interview intensiv ausgetauscht? Wie kann man sich diese besondere Zeit bei Euch vorstellen?
Wir glauben, Lance hatte keine andere Wahl. Alleine seine Foundation, Sponsoren und sein Umkreis haben dieses verlangt.

Alle haben es vermutet und gewusst. Lance hatte die Kontrolle über das System. Er war der bessere Geschäftsmann und Stratege.

Jan sieht das gelassen.

Speed-Ville.de: Was mich als „naiven“ Rennrad-Fan mal interessiert: Jan fuhr jahrelang im Peloton und hat seine Konkurrenten und Teamkollegen öfter gesehen als die eigene Familie. Besteht da im Nachhinein noch ein freundschaftlicher Kontakt? Habt ihr noch Kontakt zu Ex-Fahrern wie Lance Armstrong, Bjarne Riis, Udo Bölts und Co.? Oder kann bzw. sollte man das strikt trennen?
Das ist wie im richtigen Leben bzw. wie im Job oder anderen Profi-Sportarten. Den einen kennst du, magst ihn gerne – der andere ist dein Kumpel und Freund. Wenn wir unterwegs sind, dann gibt es bei Jan diese Kontakte noch. Jan hat zu den meisten einen guten Draht und pflegt auch seine Kontakte – mal mehr mal weniger. Wie bei uns im normalen Leben auch.

Speed-Ville.de: Abschlussfrage: du warst in den 90ern selber Radprofi und hast beruflich nun viel mit dem Radsport, auch über Jan Ullrich, zu tun. Angenommen deine Kinder kämen auf dich zu mit dem Wunsch, Rennradprofi zu werden – welche Tipps würdest du ihnen geben? Würdest du es begrüßen oder ihnen den väterlichen Ratschlag geben, sich eine andere Sportart zu suchen?
Ganz ehrlich – es gibt andere Sportarten die attraktiver und einfacher sind in der Ausübung als Radsport. Außerdem bieten andere Sportarten bessere Förderungen und Betreuungsgrundlagen. Zusätzlich sind in anderen Sportarten die Verbände und Vereine besser organisiert und strukturiert.

Hier ist der BDR gefragt.

Es kommt auch immer darauf an, ob man es zeitlich vereinbaren kann. Du musst als Elternteil am Anfang immer da sein, jedes Wochenende immer überall hinfahren und auf „Standy-by Modus“ sein. Deine eigenen Ansprüche hinten anstellen und Geld in das Hobby investieren.

Radsport ist hier in Deutschland eine Randsportart. Früher gab es viele Radrennen im Umkreis von 100 Kilometern. Heute sind diese kaum noch zu realisieren, da du einen riesen Aufwand betreiben musst.

Speed-Ville.de: Vielen Dank lieber Ole für das Interview. Für uns Jedermänner waren hier tolle Erkenntnisse drin. Besonders beeindruckt bin ich, dass Jan nur 5 Wochen Vorbereitung braucht für den Ötzi ;-)

Schönen Gruß an Jan und Euch beiden alles Gute! 

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