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IAM Matthias Brändle: So krass & schön fühlt sich die erste Tour de France an!

by Daniel

Den ersten Tag der Tour de France 2015 wird Matthias Brändle so schnell nicht vergessen. Beim Einzelzeitfahren von Utrecht setzte der österreichische Radsportler des Jahres 2014 gleich mal ein fettes Ausrufezeichen: Platz 7 – und das bei seiner ersten Tour-Teilnahme! Im weiteren Verlauf der Tour war für Matthias Brändle die Rolle des Helfers vorgesehen. Denn Zeitfahren, die Stärke des jungen Mannes, waren rar gesät – die Begleitumstände jedoch verdammt hart: Ab der zweiten Woche stieg die Hitze auf über 40 Grad und ab der dritten Woche folgten die Berge.

Matthias Brandle (IAM Cycling)

Matthias Brändle, Tour de France Finisher – Fotoquelle: Luca Bettini/BettiniPhoto©2015

Im Rahmen des Arlberg Giros traf ich Matthias Brändle für dieses Interview. Ich war sehr gespannt zu erfahren, wie es sich anfühlt, seine erste Tour de France in den Beinen zu haben. Was geht einem da im Kopf vor? Was waren die krassesten und schönsten Momente? Und wie geht’s jetzt nach der Tour vor allem weiter?

Speed-Ville: Matthias, herzlichen Glückwunsch! Du hast auf der Champs-Élysées die Tour de France zu Ende gefahren – wie fühlt man sich als Tour de France-Finisher? Stolz wie Oskar?
Das war schon sehr cool. Erst einmal natürlich alleine bei der Tour de France am Start zu sein – und diese dann auch noch in Paris zu finishen. Ein super Gefühl.

Matthias-Braendle-01Ich habe neulich ein Interview von einer Journalistin aus dem Jahre 2007 bekommen – da hatte ich gesagt, dass die Tour de France mein Traum ist – da möchte ich später mal hin. Dass es dann tatsächlich nun auch geklappt hat – einfach nur wunderbar.

Es waren rückblickend drei echt harte Wochen. Die erste Woche lief noch super für mich. Aber dann, ab der zweiten Woche fing es an weh zu tun. Vor allem wegen der Hitze. Ja klar, die dritte Woche war dann richtig hart – wegen den Bergen.

Als ich aber dann in Paris war: Einfach nur sehr, sehr glücklich – ein sehr spezielles Gefühl durch den Eiffel Turm zu fahren. Normalerweise ist da ja alles voll mit Touristen – aber für die Tour de France sperrt man wirklich alles ab. Unbeschreiblich!

Speed-Ville: Was geht in einem vor, wenn man in Paris „einfährt“? Und wie ist es jetzt vor allem danach?
Das war definitiv ein Moment, wo einem klar wurde, dass man etwas geschafft hat, was vorher noch nicht so vielen gelungen ist. Die Tour de France finisht man nicht jeden Tag. Ich bin z.B. auch der erste „Voralberger“, der am Start war und die Tour dann auch gefinisht hat.

Aber auch jetzt unmittelbar nach der Tour bekomme ich wahnsinnig viel positive Rückmeldung. Es haben sehr viele Leute mit mir mitgefiebert. Das ist ein tolles Gefühl, wenn man diese dann später trifft. Mir war aber ehrlich gesagt gar nicht bewusst, dass es so einen „Boom“ auslöst und die Leute dafür so begeistert sind.

Speed-Ville: 3 Wochen auf dem brettharten Sattel: Habt ihr eigentlich auch Schmerzen am Hintern, wie wir „Jedermänner“ oder ist bei Euch Profis der Hintern eine einzige Hornhaut?
(lacht) Nein, eine Hornhaut kann man jetzt nicht sagen – es ist aber wirklich sehr wichtig, dass die Hose perfekt mit dem Sattel abgestimmt ist. Wenn das gut zusammenpasst, hast du eigentlich wenig Probleme.

Aber tatsächlich – in der zweiten Woche bei der Tour hatte ich auch Probleme am Hintern bekommen. Ich hatte mir bei der Hitze Wasser über den Rücken gegossen – daraufhin hatte ich ein nasses Sitzpolster. Das war dann etwas „unschön“…

Mit dem „Wasser über den Rücken gießen“, hatte ich dann aber schnell wieder aufgehört – anschließend ging es auch wieder bis Paris ohne Probleme.

Tour de France 2015 - 102a Edizione - 1a tappa Utrecht - Utrecht 13.8 km - 04/07/2015 - Matthias Brandle (IAM Cycling) - foto Luca Bettini/BettiniPhoto©2015

(c) BettiniPhoto 2015 // IAM Cycling

Speed-Ville: Am Tag 1 hast du ein fettes Ausrufezeichen gesetzt: Platz 7 beim Einzelzeitfahren von Utrecht. Was ging in dir abends vor? Happy über das Ergebnis oder enttäuscht, dass es dieses Jahr so wenig Zeitfahren gab?
Auf der einen Seite war ich definitiv happy über das Resultat, auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass ich etwas Zeit habe liegen lassen. Der vierte Platz war durchaus in Reichweite.

Am Abend hatte ich mir daher schon ein paar Gedanken gemacht. Die Kurven gingen mir die ganze Zeit durch den Kopf und wie ich sie eigentlich vorhatte, zu fahren – im Rennen kam es dann leider etwas anders. Zudem bin ich das Einzelzeitfahren etwas zu langsam gestartet – da wäre auch noch mehr drin gewesen.

Dann habe ich mir aber gesagt: Hey, das ist nicht die letzte Tour de France. Ich bin 25 Jahre alt, da werden hoffentlich noch viele Touren kommen – und es ist doch auch schön wenn man noch Potenzial hat, in der Zukunft etwas besser machen zu können.

Mit welcher Übersetzung fährst du eigentlich so ein Einzelzeitfahren?
Vorne bin ich mit einem 58er Blatt gefahren und hinten 25/11.

Speed-Ville: Ihr verbrennt pro Tag ca. 4.000 – 6.000 Kalorien – und das drei Wochen lang. Wie ernährt man sich da? Vorwiegend Pasta?
Da muss man ein bisschen differenzieren. Es gibt ja verschieden anstrengende Tage. Bei so manchen Flachetappen verbrennst du „nur“ 3.000 bis 4.000 Kalorien – es gibt aber auch Tage, wo du wieder 7.000 Kalorien verbrennst.

Wir hatten bei der Tour einen wirklich tollen Koch dabei. Das Essen war immer sehr abwechslungsreich. Bzgl. Pasta: Ich habe tatsächlich sehr wenig Pasta gegessen. In den ganzen drei Wochen maximal drei Mal.

Es gab vor allem Polenta, Kartoffeln, Reis und Quinoa. Da muss man nicht nur Pasta essen!

Hast du nach der Tour de France eigentlich abgenommen?
Ich habe mein Gewicht relativ gut gehalten – maximal 1 kg abgenommen. Wir hatten aber auch Fahrer im Team, die 3 – 4 kg verloren haben.

Speed-Ville: Welche Etappen waren für dich die Highlights und bei welchen hast du am meisten gelitten? Denkt man bei so einer knüppelharten Bergetappe bei über 40 Grad zwischenzeitlich mal ans Aufgeben?
Highlights: Die erste Etappe war natürlich ganz klar überragend. Das Mannschaftszeitfahren war auch super – da hatte ich einen echt guten Tag erwischt. Mit unserem Team, wir haben ein relativ kleines Budget, sind wir sensationell Sechster geworden. Und das hinter Teams, die das 3-fache Budget von uns haben. Das muss man mal erwähnen. Die haben teils stärkere Fahrer mit mehr Erfolgen – einfach mehr Klasse.

Wir haben als Team wirklich super zusammengearbeitet, waren prima eingestellt und jeder hat für den anderen alles gegeben. Und drum ist am Ende auch der sechste Platz rausgekommen. Super Teamwork.

Richtig gelitten? In der zweiten Woche hatte ich eine Etappe – da war es wirklich richtig krass heiß. Da waren es in der Spitze mal 43 Grad. Die Sonne hat gebrannt ohne Ende. Und ich wollte an dem Tag unbedingt in die Spitzengruppe, weil ich geglaubt hatte, diese Gruppe hat eine große Chance „durchzukommen“. Bei den Temperaturen hatte mein Körper aber nicht so gearbeitet, wie ich das wollte. Das war echt hart. Vor allem mental. Du siehst die Spitzengruppe wegfahren. Und am Tag konnte ich nicht mitfahren – der Körper hatte ganz klar Stopp gesagt. In der Mitte von dieser Etappe sind wir einen Anstieg hochgefahren. Der Asphalt war so heiß, dass die Reifen tatsächlich am Boden geklebt haben. Man hat die Reifenspuren im Teer gesehen.

Aber das war nicht nur für mich hart – auch André Greipel war in meiner Nähe. Ihm ging es gelinde gesagt auch nicht sehr gut. Jeder von uns war kurz vorm Kollabieren. Man weiß nicht mehr, was man noch tun soll. Einfach übel. Am Ende weiß man nicht, wie man das packt aber irgendwie schafft man es dann doch.

In der dritten Woche gab es auch noch eine richtig harte Etappe – die 19. Etappe mit Ziel in „La Toussuire“. Da gab es zum Start gleich 1.000 Höhenmeter. In der Mitte von dieser Etappe nochmal 1.500 Höhenmeter, und am Ende wieder 1.200 Höhenmeter hoch. Und diese Etappe war von Anfang an: Vollgas. Insgesamt nur 120–130 km lang. Die Karenzzeit war auch relativ niedrig. Die Bergfahrer, aber auch die Klassementfahrer haben gleich am ersten Berg voll attackiert, weil sie das Gesamtklassement auf den Kopf stellen wollten. Bei dieser Etappe hatte ich vorher echt Angst, dass ich die Karenzzeit nicht schaffe aber schlussendlich hatten wir es noch mit 5 – 7 Minuten „Puffer“ ins Ziel geschafft.

Als diese Etappe dann vorbei war, wusste ich, dass ich es bis Paris schaffe. Danach kam nämlich die L’Alpe d’Huez Etappe. Hier kamen nicht mehr so viele Berge in der Etappe selber vor, wo ich Zeit verlieren konnte. Mit einer guten Gruppe würde es dann auch mit Paris klappen – das war ja dann auch der Fall.

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Fotoquelle: Arlberg Giro | P. Säly

 

Speed-Ville: Wie würdest du die Anstiege in den Pyrenäen mit denen der franz. Alpen vergleichen? Sind die Pyrenäen härter, fieser? Kann man es vergleichen?
In den Pyrenäen war der Asphalt etwas schlechter als in den Alpen – das kann man schon sagen. Oftmals schlechte und holprige Straßen. Die Abfahrten in den Pyrenäen waren zum Teil echt schmal und mit dem rauen Asphalt muss man sich wirklich stark konzentrieren, um ja kein Schlagloch zu übersehen und safe unten im Ziel anzukommen. Wenn es da mit ca. 100 km/h in den Abfahrten runter geht, darf kein Fehler passieren.

Warst du mal in den Abfahrten in der Nähe vom Sagan? Wahnsinn – dieser Fahrstil, oder?
Ja, definitiv. Der Sagan ist für mich der beste Abfahrer bei der Tour de France. Ich muss aber auch sagen: Ich finde es sehr cool, wie er die Show drumherum macht und dadurch die Zuschauer mitzieht. Wenn er da mit dem „Wheelie“ ins Ziel fährt – ihm fällt wirklich immer wieder was ein, was für Stimmung sorgt. Neben seinen unbestrittenen Fahrqualitäten ist er auch als „Unterhalter“ für den Radsport Gold wert.

Speed-Ville: Jörg Ludewig sagt: Einmal im Leben sollte man L’Alpe d’Huez fahren. Wie würdest du diesen epischen Anstieg beschreiben? Geht es unter die Haut, wenn ihr Euch durch die schmale Menschengasse „hochpflügt“?
Als ich für die Tour nominiert wurde, habe ich mich um offen zu sein, am meisten auf L’Alpe d’Huez gefreut. Diesen Anstieg einmal zu fahren. Jeder sagt, dass dies der größte und berühmteste Anstieg ist. Und ja, es war wirklich unglaublich, da hochzufahren.

14 km und im Schnitt 8 Prozent – der ist gar nicht so leicht zu fahren. Aber es waren so viele Zuschauer dort vor Ort und du wirst überall angejubelt. Zu Beginn des Anstiegs waren richtig viele am Streckenrand, dann wurde es kurz wieder ein bisschen ruhiger und ich dachte schon, warum sagen alle, dass hier die Hölle los ist – hier ist ja gar nicht so viel los?! Als es dann aber zur Kurve 7 ging, zur „Holländerkurve“, das war dann echt unglaublich. 500 m durch einen Menschentunnel, der heftig nach Bier riecht. Ich glaube die waren schon zwei Tage vorher am feiern. Es roch echt überall nach Bier – du wirst angejubelt, angeschrien, und im wirklich letzten Augenblick gehen sie dann zur Seite. Manchmal echt knapp. Aber unterm Strich: sehr cool und ein unglaubliches Erlebnis!

Mit was für einer Übersetzung fährst du dann so eine Bergetappe?
Wir sind bei den Bergetappen eigentlich immer das 39er Blatt vorne gefahren und 28 Zähne hinten.

Speed-Ville: Während der Tour kam es vermehrt zu hässlichen Situation gegenüber Chris Froome. Er wurde z.B. bespuckt und mit Urin beworfen. Bekommt ihr im Peloton so etwas mit oder geht das im „Trubel“ unter?
Das bekommt man schon mit und mir tut es sehr leid für ihn. Für mich ist der Chris Froome so ein toller Athlet, der sehr hart an sich arbeitet. Er ist zudem im besten Team der Welt. Die haben im Team vier Fahrer, die in den Top 10 fahren können.

Viele Zuschauer sehen das aber einfach nicht. An der Stelle muss ich aber auch den französischen TV-Kommentatoren Vorwürfe machen, die das losgetreten haben (Laurent Jalabert, Anm. d. Red.). Das war einfach nicht fair. Das Team Sky hat echt super gearbeitet.

Und auf den Punkt gebracht: Der einzige Tag, wo Froome stärker war als die anderen, das war die erste Pyrenäen-Etappe. Die war direkt nach dem Ruhetag. Es war das erste Mal so richtig heiß und Chris Froome ist damit am besten klar gekommen. Quintana war eine Minute dahinter und die beiden Franzosen konnten wegen der Hitze nicht mithalten und lagen 10 Minuten hinten.

Für mich war die Tour dieses Jahr aber relativ offen. Quintana hat die Tour nicht am Schluss verloren, sondern am zweiten Tag in Holland. Da war ich auch mit ihm in einer Gruppe – wir hatten knapp zwei Minuten verloren und ganz am Ende hatte er 1:20 Minute Rückstand.

Man hat am Schluss gesehen, auch bei den Franzosen, es können alle in den Bergen das Tempo mitfahren. Dieser Tag, der erste in den Pyrenäen, war etwas ganz spezielles. Nach dem Ruhetag – es war heiß. Das hat Chris Froome einfach sehr, sehr clever gemacht.

Redet man eigentlich während so einer Tour de France mit den anderen Fahrern auch über alltägliches?
Das kommt auf die Rennsituation drauf an. Wenn es eine ruhige Phase im Rennen ist, redet man schon mal über die Familie, was macht man so nach der Tour, was hat man vorher gemacht. Wenn es aber dann in die heikle Phase geht, ist jeder sehr konzentriert – speziell in der ersten Woche bei den Flachetappen. Da muss man wirklich immer und überall konzentriert sein, gleich von Kilometer Null an. Es gab überall Stürze – egal ob du vorne oder hinten warst, links oder rechts. Man hat sich nirgendwo sicher gefühlt und war dadurch immer bremsbereit.

Wo warst du bei der dritten Etappe, als dieser krasse Massensturz mit dem Fabian Cancellara in Gelb war?
Da hatte ich viel Glück. Ich war auch rechts draußen, wo der Sturz war. Wir waren echt schnell unterwegs – ich würde sagen über 70 km/h. Ich habe es dann vorne nur krachen gehört, bin etwas in die Bremse gegangen und habe versucht links vorbeizufahren. Aber bei etwa 40 km/h hat es mich dann auch vom Rad runtergezogen. Wie ich es geschafft habe, weiß ich nicht mehr aber ich bin noch irgendwie „abgetaucht“ mit den Händen voran, der Helm und der Rahmen sind dabei zerbrochen.

Im Nachhinein hatte ich viel Glück im Unglück. Nur ein paar Schürfwunden an den Ellenbogen, an den Rippen und am Rücken – im Vergleich zu den ganzen anderen Fahrer: „Schwein gehabt“.

Speed-Ville: Nach 3 Wochen Tour kennt man die meisten Fahrer aus dem Effeff. Ich würde annehmen, dass so etwas auch „zusammenschweißt“. Wie würdest du die Beziehungen untereinander beschreiben?
Ich würde schon sagen, dass es kaum richtige Freundschaften im Radsport gibt. Es ist schon eher mit dem Berufsleben vergleichbar, wo man kollegial mit seinen Arbeitskollegen umgeht. Mit manchen kommst du besser, mit anderen schlechter klar.

Das findet aber schon teamübergreifend statt, oder?
Ja schon. Das vermischt sich sehr. Man kennt die ja alle auch über verschiedenste Ecken. Genauso die Betreuer, Mechaniker, Masseure etc.

Aber man ist wahrscheinlich am engsten mit denen, wo man die gemeinsame Sprache hat?
Das ist definitiv ein Thema. Bei den Franzosen können die wenigsten zum Beispiel Englisch – wir können dann z.B. kein Französisch. Da wird die Unterhaltung dann schon wieder schwierig.

Es gibt aber schon größere Gruppen in der Richtung: Die deutschsprachige Gruppe, da die Engländer oder natürlich die Spanier.

Verstehst du dich gut mit den deutschen Fahrern?
Ja, das sind schon nette Jungs: Degenkolb, Geschke und Greipel – mit denen verstehe ich mich super.

Speed-Ville: Wie würdest du deine weitere Planung beschreiben? Siehst du deinen Fokus eher bei Eintagesrennen oder bei Etappenrennen?
Bis zu dieser Saison war das Thema noch nicht ganz klar. Mein sportlicher Manager, Rik Verbrugghe, ist der Meinung, dass ich Potenzial habe für die Frühjahrsklassiker – auch auf Kopfsteinpflaster.

Wenn ich mich dann noch in den Prologen etwas verbessern kann, ich war dieses Jahr schon paar Mal knapp an den Siegen dran, dann sehen wir hier Möglichkeiten.

Die Rundfahrten sind eher zum „Komplettieren“. Wir können aus mir zwar schon einen etwas besseren Bergfahrer machen, dann lande ich bei der Tour de France am Ende irgendwo auf Platz 50 – 60, dafür verliere ich dann aber meine Qualität im Zeitfahren. Für das Team ist es viel interessanter, wenn ich bei einzelnen Etappen ganz vorne dabei sein kann als in der Gesamtwertung von den hinteren Rängen hochzuklettern.

Lieber habe ich ein, zwei Mal meinen großen Tag. Das bringt mir und dem Team viel, viel mehr – insbesondere medial.

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(c) Arlberg Giro | P. Säly

Das kann ich nachvollziehen. Thema Bergfahren: Was schätzt du, würdest du beim Ötztaler für eine Zeit fahren?
Puh, ich habe keine Ahnung – die Berge liegen mir aktuell nicht so. Muss ehrlicherweise auch sagen, dass ich für so ein Rennen aktuell auch nicht die Motivation hätte, um ans Limit zu gehen.

Wenn wir bei der Tour de France eine Bergetappe haben, und ich weiß, dass ich vorne eh nix machen kann, dann suche ich mir schon die vermeintlich leichteste Gruppe, um das Ziel mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.

Das darf dein „Chef“ jetzt aber nicht hören!
(lacht) Das weiß der aber auch – so ist die Strategie. Lieber ein paar Kräfte an solchen Tagen sparen, denn wenn es später eine Etappe gibt, wo ich vorne mitfahren kann – dann kommt es auf ein paar wenige Sekunden drauf an. Die Kräfte sollte ich dann nicht sinnlos in den Bergen „verschwenden“.

Paris-Roubaix könnte also nächstes Jahr für dich interessant werden, oder?
Ja klar, da möchte ich definitiv gerne wieder hin. Dieses Jahr hatte ich dort ein bisschen Pech. Am Arenberg musste ich mein Laufrad Sylvain Chavanel sponsern. Er hatte einen Defekt. Radfahren ist ja ein Teamsport, da muss man sich erst ein bisschen hocharbeiten. Er war da der Leader und ich der Helfer. Danach musste ich ca. 5 Minuten auf mein Laufrad warten – da hast du natürlich keine Chance mehr.

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Speed-Ville: Wie schaut dein weiterer Rennkalender 2015 aus? Was sind deine Highlights?
Ja, ich werde nächste Woche noch die Eneco Tour fahren. Die ist in Belgien und Holland. Auf der dritten Etappe gibt es ein Zeitfahren von 12-13 km mit vielen Kurven. Das habe ich mir definitiv dick im Kalender angestrichen. Da möchte ich wirklich alles probieren – auch um den Sieg mitfahren. Vielleicht kann ich bei dieser Rundfahrt insgesamt sogar etwas weiter vorne abschließen – das wird man dann sehen.

Dann werde ich im August noch in Hamburg starten bei den Cyclassics. Da haben wir mit Haussler einen Fahrer, der am Schluss „was reißen“ kann – da wird meine Rolle klar die des Helfers sein. Also den Sprint anfahren für ihn.

Anschließend gibt es noch ein Rennen in Kanada und der Saisonabschluss wird die Weltmeisterschaft in Richmond, USA sein.

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Speed-Ville: Die positive Entwicklung freut mich sehr für dich. Letztes Jahr habe ich dich beim Arlberg Giro erlebt und man hat dir richtig die Enttäuschung angemerkt, nicht für die Tour de France nominiert worden zu sein.
Ja, das stimmt – das war die bis dato größte sportliche Enttäuschung für mich. Aber im Nachhinein muss ich sagen, war es wiederum für etwas gut. Denn ich konnte im Herbst zwei Etappen in England gewinnen und habe den Stundenweltrekord aufgestellt. Das hat mir in Summe mehr gebracht als wenn ich bei der Tour de France gestartet und auf den hinteren Plätzen gelandet wäre.

Ich bin ein Mensch, der sagt, dass alles für etwas gut ist. Und so war es dann ja auch schlussendlich!

Speed-Ville: Vielen Dank lieber Matthias für das tolle Gespräch – alles Gute weiterhin!

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