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Hinter den Kulissen der Tour de Yorkshire
und im Herzen des englischen Radsports

by Daniel

Manchester am Montagmorgen. Es ist kurz nach sieben und ich besteige die Lufthansa-Maschine auf dem Weg zurück nach München. Ich bin fix und fertig, die letzten vier Tage haben mir einiges abverlangt. Wie werden sich bloß die Fahrer fühlen, die armen Hunde? Ich bin jedenfalls froh, kein Radprofi geworden zu sein: Bei Mistwetter da durch Nordengland zu fahren. Wenn ich will, ja. Aber nicht, wenn ich muss. Mit Knopf im Ohr und so, wo mir ständig einer reinplärrt. Aber vielleicht doch? Sutton Bank, das war schon sehr geil. Ein Hauch von L’Alpe d’Huez. Das würde mir gefallen. Naja, jetzt geht’s erst einmal zurück. Basti Schweinsteiger wünscht mir einen guten Flug. Basti, ich Dir natürlich auch, schön Dich getroffen zu haben, ich geh dann mal weiter in die Economy.

Tour de YorkshireVier Tage zuvor: Ankunft am Flughafen von Manchester. Endlich mal wieder England. Ich mag England. Vor zehn Jahren habe ich hier studiert, also weiter unten, in London. Und ich mag die Leute: Sehr lustig, sehr nett, sehr international, also in London. Hier oben, im rauen Norden Englands, war ich noch nie. Kennt man ja auch nur vom Fußball (Manchester) oder Rosamunde-Pilcher-Filmen (Mutti).

Zum ersten Mal bin ich zu Gast bei einem internationalen Profirennen. Die Tour de Yorkshire (UCI Kategorie 2.1) wird organisiert vom Veranstalter der Tour de France (A.S.O.) und dem lokalen Tourismusverband „Welcome to Yorkshire“. Ein aufstrebendes Rennen, das in 2016 die zweite Ausgabe feiert.

Moment, da war doch was: Yorkshire, Nordengland, A.S.O. – klar, vor zwei Jahren hatten sie doch ihren Grand Départ hier, in Leeds. Zwei Etappen durften sie hier abfeiern, bevor es über Cambridge runter nach London ging. Stichwort abfeiern. Das ist ja meine große Hoffnung bei diesem Trip: England und Sportveranstaltungen, das bedeutet in der Regel immer gute Stimmung. Mir fallen da vor allem Fußball, Rugby und Dart ein. Dart, ist das überhaupt ein Sport? Egal, One-Hundred-And-Eeeeeeeighty!

Ich bin gespannt, wie wird das hier bei einem Radrennen sein?

Kommen wir kurz zurück nach Manchester: Ich bin nicht alleine. Neben mir sind noch zwei belgische, ein holländischer und ein deutscher Journalist am Start: Jonas Leefmann, der wahrscheinlich schnellste Redakteur des Landes. Zumindest auf dem Rennrad. Beim Schreiben habe ich ihn noch nicht beobachtet. Auf dem Rennrad ist er aber definitiv schnell, in den Tagen nach Yorkshire sind wir ein paarmal gefahren (Strava Link), danach war ich regelmäßig im Eimer.

Zusammen steigen wir in den silbernen Bus, in dem wir in den nächsten Tagen mehr Zeit verbringen werden, als wir zu diesem Zeitpunkt vielleicht ahnen.

Welcome to York!

Nach einem gut eineinhalbstündigen Transfer checken wir im Hotel in York ein. Viel Zeit zum Verschnaufen und Frischmachen bleibt nicht, gleich geht auch schon die offizielle Pressekonferenz los, und im Anschluss wird beim „Eve of Tour“ im exklusiven Castle Howard angestoßen. Hinault und Co. sind auch da. Ich bin gespannt.

Die Pressekonferenz findet im Luftfahrtmuseum von Yorkshire statt. Umgeben von Fliegern vergangener Jahre begrüßen die beiden Organisatoren Sir Gary Verity (Welcome to Yorkshire) und Christian Prudhomme (A.S.O.) die anwesenden Journalisten aus aller Herren Länder zur zweiten Ausgabe der Tour de Yorkshire. Den „Sir“ hat Gary vom Königspalast für den Grand Départ in 2014 bekommen, welchen er maßgeblich mit realisiert hat. Flankiert werden sie vom Vorjahressieger Lars-Petter Nordhaug (Team Sky) und dem aufstrebendem australischen Sprint-Jet Caleb Ewan (Orica Greenedge) – garniert von Dani King und der süßen Lucy Garner.

Und ich mittendrin. Lustig.

Bekannteste Fahrer der Tour de Yorkshire 2016:

  • Sir Bradley Wiggins (WIGGO!!!)
  • Lizzy Armitstead (aktuelle Weltmeisterin im Straßenrennen)
  • Mathew Hayman (Sieger Paris–Roubaix)
  • Thomas Voeckler
  • Caleb „The Jet“ Ewan
  • Rohan Dennis
  • Luke Row
  • Deutsche Fahrer: Rick Zabel, Robert Wagner, Nils Politt, Niklas Arndt

So, nach der Pressekonferenz gehts erst einmal auf ein paar Drinks ins Castle Howard.

Start der Tour de Yorkshire 2016

Nach all dem Geplänkel geht es am nächsten Morgen endlich mit dem Rennen los. Start des Rennens ist in Beverly, leider ohne Hills, dafür mit viel Regen und Wind. Typisches englisches Wetter.

Und wo sind die Fahrer? Verstreut in den Straßen um den Marktplatz stehen die Teambusse, in denen sich die Fahrer verschanzen und wahrscheinlich Espressopartys feiern. Der Moderator macht auf der Bühne Alarm und das Publikum ist überraschend gut drauf. Aber die sind das Wetter ja hier gewöhnt.

Und dann kommen sie die Fahrer: Ein Team nach dem anderen rollt im Laufschritt zur Bühne. Vorbei an all den Menschen, um sich in guter alter Radsporttradition einzuschreiben. Respekt, das Ganze ohne auszuklicken, ich würde dutzendfach hinfallen. Aber warum schreiben die sich im Jahre 2016 eigentlich noch ein? Kann das Team das nicht für die Jungs erledigen, so wie beim Fußball? Den Sinn des Einschreibens habe ich noch nie verstanden, aber gut, manchmal haben Traditionen ja auch was für sich. Ist ja schließlich auch schön, wenn sie da auf die Bühne kommen und ein bisschen winke, winke machen.

Erste Etappe: Und die Frage nach dem Warum

Tour de YorkshireDer Startschuss ist gefallen und es macht gut einhundert Mal KLICK. Für uns heißt es nun, schnell zurück zum silbernen Bus, es geht ins gut 180 km nordwestlich gelegene Settle. Am Fuße des Yorkshire Dales National Park sollte uns eine komplett andere Szenerie erwarten.

Schafe, Schafe, Schafe.

Reist man durch Nordengland, sieht man eh schon die ganze Zeit Schafe. Jetzt sehe ich irgendwie nur noch Schafe. In Kombination mit der kargen Landschaft und den typisch grauen Häusern mit weißen Fensterrahmen, prägt sich ein noch krasseres Bild ein. Ein Bild, das mir aber gefällt: Idylle, Weite und hin und wieder ein fieser giftiger Anstieg – und eben sehr oft ein MÄH.

Eigentlich ein perfektes Rennradrevier, wenn nur das Wetter besser wäre.

Entlang der Straße immer wieder Menschen. Beeindruckend. Sie sitzen auf Campingstühlen, auf Mauern, sie liegen im feuchten Gras, sie sind einfach überall – trotz miesem Wetter harren sie aus, um das vorbeirauschende Feld zu sehen. Was mich zudem beeindruckte, war wie liebevoll sie ihre Gemeinden in den Tour de Yorkshire Farben schmückten: In blau und gelb. Auch alte Rennräder wurden gerne mal hergenommen, gelb angesprüht und aufs Vordach gepackt – oder einfach in den Baum gehängt, wenn es kein Vordach gab. Und da haben wir sie wieder, diese Begeisterung, dieses Abfeiern. Ein bisschen verrückt, aber ich mag es.

Rechtzeitig kommen wir ins Pressezentrum von Settle – ein Dorftheater – schnell werden die Notebooks aufgerissen und die Handys gecheckt. Die einen müssen arbeiten, die anderen müssen Facebook. Unterschiedlicher kann das Leben der Redakteure nicht sein: Tageszeitung, Magazin, Blog. In absteigender Reihenfolge der Stresspegel.

Zurück zum Rennen: Mitten im Theater steht ein TV, auf dem das Rennen live übertragen wird. Als die ersten Fahrer noch gut zwanzig Minuten vorm Ziel sind, gehe ich rüber zum benachbarten Zieleinlauf, mal schauen, was da so gebacken ist.

Und gebacken ist hier einiges: Menschen, Menschen, Menschen.

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Als ein paar Minuten später die Fahrer mit gut 60+ km/h im Zielsprint an uns vorbeifliegen, stelle ich mir jedoch zum ersten Mal die Frage nach dem Warum? Wieso tut man sich das als Zuschauer eigentlich an? Des Rennens wegen doch wahrscheinlich nicht. Man bekommt so gut wie nichts mit, denn nach ein paar Sekunden ist das komplette Feld wieder vorbei. Das ist der klare Vorteil von Sportarten, wie Fußball, Basketball und Co.: Die Zuschauer können das Ereignis stets und ständig verfolgen, da es an einem Ort stattfindet. Beim Radsport macht man es vor allem des Erlebnisses wegen. Dieses Adrenalin, dass man sofort spürt, wenn man sich in dieser Masse an Menschen befindet. Der Moderator, der die Meute mit Renninformationen füttert, der sie heiß macht. Hälse, die sich viel zu früh lang machen, kommen sie nicht vielleicht jetzt schon?

Mitten in dieser Beobachtung, schnappe ich den Satzfetzen eines Vaters auf, der seiner pubertierenden Tochter erklärt: „When cycling wasn’t trendy…“

Obwohl ich nur diesen Bruchteil mitbekam, kann ich mir genau vorstellen, worum es ging. Die Tochter schien die gleichen Gedanken zu haben wie ich.

Zweite Etappe: Der mediale Supergau

Es ist der Tag für die Frauen: Das größte Preisgeld in der Geschichte des Frauenradsports. Das Rennen führt von Otley ins gut 130 km entfernte Doncaster, im südlichen Teil der Region Yorkshire. Und alles live im TV. Die gleiche Strecke übrigens, die wenig später die Männer fahren werden. Eine der aktuellen Superstars der Frauen – Lizzy Armitstead – ist am Start, UCI-Boss Cookson steht neben selbigem und schaut zu. Auch er scheint beeindruckt.

Es hätte also besser nicht sein können. Hätte. In diesem Fall macht die Technik der Radsportnation, den Organisatoren und zahlreichen Sponsoren einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Grund: Die zu übertragenden Signale können vom Flugzeug nicht geliefert werden, das Flugzeug muss gar zweimal aus Sicherheitsgründen auf den Boden zurück beordert werden. Ein schwarzer Tag für alle Beteiligten. Vor ein paar Tagen gewährte mir Sir Gary Verity einen Einblick in sein Seelenleben: „Ich konnte es nicht glauben. In 31 Jahren Liveübertragungen bei Radrennen ist so etwas noch nie vorgekommen. Es war ein absoluter Schock für uns.“

Entsprechend gedämpft ist die Stimmung unter den Offiziellen und anwesenden Journalisten, als wir im Zielort der zweiten Etappe, in Doncaster, eintreffen.

Aber es hilft ja alles nichts. The Show Must Go On.

Beeindruckte tags zuvor die landschaftliche Szenerie von Settle, setzt Doncaster mit seinen Menschenmassen da noch einen drauf: Die ein Kilometer lange, einigermaßen flache Zielgerade ist komplett voll. Auf beiden Seiten der Banden stehen sie in Zweier- teilweise auch in Dreierreihen. Erinnerungen an das Sommermärchen 2006 in Deutschland werden wach. Neben dem Ziel ist eine riesige Leinwand angebracht, welche die Zuschauer per Liveticker, hin und wieder gibt es auch mal ein paar Bewegtbilder, über das Rennen informiert.

Dass die Etappe wenige Minuten später vom Holländer Danny van Poppel (Team Sky) gewonnen wird, gerät zur Randnotiz.

Abends geht es wieder zurück nach York ins Hotel. Heute nur eine Stunde Fahrtzeit.

Dritte Etappe: Sutton Bank wird zu L’Alpe d’Huez

tdy-21Die finale Etappe steht an, und härter kann sie nicht sein. Nicht nur, dass der Start in der von Schönheit überschaubaren Stadt Middlesbrough stattfindet, es gießt in Kübeln und kalt ist es auch noch: sechs bis sieben Grad. 198 km Etappenlänge und knapp 2.600 Höhenmeter machen das Ganze nicht besser. Middlesbrough fühlt sich nach Maloche an. Nach dem rauen, urbanen Nordengland: Stahlbau, Schiffsbau und Kräne allgegenwärtig.

Es ist ein Tag, an dem Du kein Radprofi sein möchtest.

Wir beschließen heute mal, nicht direkt in den Zielort zu fahren, heute nehmen wir das L’Alpe d’Huez des kleinen Mannes mit: Sutton Bank. Mit genügend Vorlauf fahren wir mit unserem silbernen Bus die Passstraße hoch. Die Passstraße ist zwar nur 1,2 km lang, überwindet aber stolze 160 Höhenmeter bei einer durchschnittlichen Steigung von 12%, in der Spitze sogar 25%. Ein echtes Biest.

Es ist ein Tag, an dem Du unbedingt Radprofi sein möchtest.

Mit jedem gestiegenen Höhenmeter werden die Massen dichter und lauter. Gänsehautatmosphäre pur. Überzeugt Euch selbst, ich habe den Moment gefilmt, als die Rennspitze Sutton Bank erklimmt. Besonderes Augenmerk auf den letzten Fahrer der Spitzengruppe (Sek. 29), welcher vollkommen auf Anschlag fährt. Egal, hinterher war es geil.

Traumhafte Kulisse in Scarborough

Nach diesen tollen Momenten geht es schnell zurück zum silbernen Bus – die letzten Kilometer nach Scarborough stehen an. Wir müssen schnell sein, sonst wird es knapp mit dem Zieleinlauf. Scarborough, das ist ein würdiger Abschluss für die Tour de Yorkshire. Hoch oben, bis zu 70 Meter über der Nordsee, liegt der schöne Küstenort – steile Dünen und Felsen führen zum breiten Sandstrand herunter. Und dazwischen verläuft eine gut ausgebaute Küstenstraße, auf der sich gleich Oldie Thomas Voeckler den Tages- und Gesamtsieg unter den Nagel reißen wird.

Hier sind sie wieder, die vielen, vielen Menschen – in Summe waren es laut Polizeischätzungen 2,5 Mio. in den drei Tagen und damit gut eine Million mehr als im letzten Jahr. Aufgrund der landschaftlichen Gegebenheit sieht hier alles nochmal krasser aus. Sie picknicken in den Dünen, sitzen auf Felsvorsprüngen und stehen in einer Endloskette oben auf der Promenade. Ein schönes Bild zum Ende der Tour.

Tour de YorkshireAbschluss der Tour de Yorkshire

Ein wenig später geht es ein letztes Mal mit dem silbernen Bus zurück nach York. Es wird höchste Zeit den Koffer zu packen, viel Schlaf wird heute nicht drin sein. Denn um vier Uhr nachts kommt auch schon das Taxi, das uns nach Manchester zum Flughafen bringt. Das ist definitiv hart. Aber nützt ja alles nichts. Lustigerweise treffe ich kurz vorm Boarding einen supernetten Bastian Schweinsteiger, der sich tatsächlich ein paar Minuten mit uns unterhält. Das entschädigt zumindest ein bisschen.

Zurück bleiben vier sehr anstrengende Tage in der ältesten Graftschaft Englands, diese Anstrengung war es aber absolut wert. So ich kam in den Genuss das komplette Yorkshire-Package mitzunehmen: Beeindruckende Landschaften, imposante Bauten, super herzliche Menschen und ein sehr interessanter Blick hinter die Kulissen des Profiradsports.

Ich bin mir sicher, dass sich die Tour de Yorkshire im Rennkalender etablieren und in Zukunft sogar vergrößern wird. Die Zuschauer und Infrastruktur geben es definitiv her. Vielleicht ja schon im nächsten Jahr mit vier Etappen bei den Männern und zwei bei den Frauen – denn das ist der größte Wunsch von Sir Gary Verity, gepaart mit viel Sonnenschein.

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