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Sagan, van Avermaet oder Dege – wer gewinnt die Flandernrundfahrt 2017 und macht sich unsterblich?

by Daniel

Wer bei der Flandernrundfahrt gewinnt, macht sich unsterblich. Der ist einer von Ihnen, diesen radsportverrückten Flamen in Belgien. Welcher Fahrer hat also das Zeug, sich beim zweiten Frühjahrsklassiker ein Denkmal zu setzen? Ich sprach, wie vor Mailand–Sanremo, mit vier Experten über ihre Einschätzungen zum Wahnsinnsrennen am 2.4.17.

Flandernrundfahrt

Jetzt kommen die dicken Bretter in Belgien: Kopfsteinpflaster, Dreck, Schmerzen und eine Stimmung, bei der jeder, der ein bisschen Liebe für den Radsport übrig hat, Gänsehaut bekommen muss.

Nach Mailand–Sanremo wartet mit der Flandernrundfahrt das für viele Radsport-Fans wahrscheinlich heißeste Rennen des Jahres. Eine Woche drauf folgt dann direkt auch schon Paris–Roubaix – was gibt’s Schöneres als diese Festtage des Radsports in Belgien und Frankreich?

Bleiben wir noch in Belgien. Genauer gesagt in Antwerpen, Diamond City.

Nach 19 Austragungen in Brügge startet das Rennen in 2017 erstmals 100 km weiter östlich in der alten Handelsmetropole: 260 km lang, zahllose fiese, steile Anstiege mit in Summe ca. 2.300 Höhenmetern, die den Fahrern um Sagan, van Avermaet und Co. alles abverlangen werden.

Einen besonderen Reiz stellt die Rückkehr der berüchtigten „Muur“ von Geraardsbergen bei der 101. Ausgabe dar: knapp 20% steil und mit üblen Pflastersteinen gespickt, zählt die knapp 500 m lange „Mauer“ nicht ohne Grund zu einer der steilsten und fiesesten Anstiege im Profizirkus.

Aber die Plackerei hat einen Preis.

Denn wer bei der Flandernrundfahrt gewinnt, der erobert nicht nur einen Ehrenplatz in der Hall of Fame des Radsports, unter den radsportverrückten Flamen erreichen die Heroen nahezu Unsterblichkeit.

Also, wer hat das Zeug ein echter Flame zu werden?

Flandernrundfahrt 2017: Das tippen die Experten

Mit den vier Experten sprach ich ein paar Tage vor Mailand–Sanremo. Heute ihre Einschätzungen zur „Ronde van Vlaanderen“. Ich bin gespannt, wer dieses Mal richtig liegen wird; auf Kwiatkowski hatte bei Mailand–Sanremo jedenfalls keiner getippt.

David Binnig Rennrad

David Binnig
(Chefredakteur RennRad)

"Jetzt, da Cancellara nicht mehr dabei ist, werden alle auf Sagan schauen. Vor allem Quickstep wird alles daran setzen, nicht im Finale gegen ihn fahren zu müssen."

Philipp Diegner

Philipp Diegner
(Coach & Rennanalyst)

"Ein Schlagabtausch mit den jungen Wilden an den letzten Anstiegen wäre fantastisch – so viele Kandidaten wie in diesem Jahr gab es seit langem nicht mehr."

Felix Mattis

Felix Mattis
(TOUR & radsport-news.com)

"Flandern hat mich noch nie enttäuscht und immer wieder überrascht. Es ist für mich der unberechenbarste der Klassiker – wenn man mal vom Defekt-Risiko bei Paris-Roubaix absieht."

Karsten Migels

Karsten Migels
(Moderator Eurosport)

"Ich rechne mit einer kleinen Gruppe von 3-4 Mann, die den Sieg am Ende unter sich ausfahren."

Welchen Rennverlauf erwartest du in diesem Jahr?

David Binnig (RennRad):
2016 war ziemlich klar, dass sich die beiden stärksten Fahrer bekriegen werden, Sagan und Cancellara. Jetzt, da Fabian nicht mehr dabei ist, werden alle auf Sagan schauen. Vor allem Quickstep wird alles daran setzen, nicht im Finale gegen ihn fahren zu müssen. Also werden sie früh gute Fahrer nach vorne schicken. Sky und andere Teams könnten es genauso angehen. Ich tippe also darauf, dass das Rennen früh schwer gemacht werden wird – und Toptop-Favoriten wie Sagan und Degenkolb extrem clever fahren müssen, um zu siegen. Aber genau das zeichnet die beiden ja auch aus.

Philipp Diegner (Coach und Rennanalyst):
Hoffentlich wieder ein sehr aggressives Rennen. Im letzten Jahr gab es eine starke Gruppe und viele Attacken zur Mitte des Rennens. Die Topfahrer mussten relativ früh ihre Karten aufdecken. Außerdem wird Tom Boonen nochmal versuchen, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Ein Schlagabtausch mit den jungen Wilden an den letzten Anstiegen wäre fantastisch – so viele Kandidaten wie in diesem Jahr gab es seit langem nicht mehr.

Felix Mattis (TOUR und radsport-news.com):
Einen höchst spannenden! Flandern hat mich noch nie enttäuscht und immer wieder überrascht. Es ist für mich der unberechenbarste der Klassiker – wenn man mal vom Defekt-Risiko bei Paris-Roubaix absieht. Letztendlich wird es sicher auf Kwaremont und Paterberg ankommen, doch gerade weil meine Top-Favoriten Sagan und Van Avermaet dort schwer abzuschütteln sein dürften, werden diverse Teams schon vorher ein Feuerwerk abbrennen. Ich erwarte vor allem von Lotto-Soudal wieder viele Attacken, um das Rennen schwer zu machen – vielleicht auch wieder durch André Greipel und Marcel Sieberg?

Karsten Migels (Eurosport):
Ich rechne mit einer kleinen Gruppe von 3-4 Mann am Ende, die den Sieg unter sich ausfahren.

Deine Topfavoriten für 2017?

David Binnig (RennRad):
Meine Favoriten für dieses Jahr sind: Sagan, Degenkolb, Van Avermaet, Vanmarcke, Boonen, Stybar und Kristoff.

Philipp Diegner (Coach und Rennanalyst):
Sagan. Auf ihn werden nach der Vorstellung im letzten Jahr alle anderen schauen. Ansonsten sind je nach Rennverlauf auch Tom Boonen, Greg van Avermaet oder Sep Vanmarcke ganz oben auf der Liste.

Felix Mattis (TOUR und radsport-news.com):
Ähnlich wie in Sanremo sind die Top-Favoriten auch bei der Ronde für mich Peter Sagan und Greg Van Avermaet. Auf sie werden alle schauen, doch um sie zu schlagen, muss man das Rennen sehr schwer machen und beide bereits vor dem Kwaremont-Paterberg-Doppel abschütteln. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand schneller den Paterberg hinauffliegt, als die beiden und sie dann auch noch auf dem knapp 15 Kilometer langen Weg zum Ziel in Oudenaarde auf Distanz halten kann. Und wenn es dann zum Gruppensprint kommt: Wer bis auf Alexander Kristoff oder John Degenkolb soll sie da schlagen? Gleichzeitig traue ich Sagan und Van Avermaet aber auch zu, den Rest am Paterberg abzuschütteln und sich bis Oudenaarde an der Spitze zu behaupten.

Karsten Migels (Eurosport):
John Degenkolb, für ihn würde ich mich sehr freuen.

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Geheimtipps für 2017?

David Binnig (RennRad):
Team Trek hat neben Dege noch eine zweite Trumpfkarte: Jasper Stuyven. Er wird seine Freiheiten bekommen. Noch jünger ist sein belgischer Landsmann von Lotto-Soudal: Tiesj Benoot. Er ist 23 und hat riesiges Potenzial. Es könnte auch sehr gut sein, dass Sky bei der Flandernrundfahrt in diesem Jahr einiges reißen wird: Thomas, Kwiatkowski, Stannard, Rowe, Pouls – das ist schon ein brutal starkes Team.

Philipp Diegner (Coach und Rennanalyst):
Alexander Kristoff. Kommt er über die letzten Anstiege, ist mit ihm ganz sicher zu rechnen.

Felix Mattis (TOUR und radsport-news.com):
„Geheim“ ist immer so eine Sache, denn wenn ich jetzt Zdenek Stybar, der mir auf den Strade Bianche sehr gut gefallen hat, oder Belgiens Zukunftshoffnungen Tiesj Benoot und Jasper Stuyven aus dem Hut ziehe, dann werden die Radsport-Fans sagen: Das kann ja jeder! Wie wäre es mit Luke Rowe von Sky? Oder, jetzt wird’s wirklich zum Geheimtipp: Stefan Küng. Wenn alle auf Van Avermaet schauen, schickt BMC einfach den jungen Schweizer 40 Kilometer vor dem Ziel raus und der macht dann den Cancellara.

Karsten Migels (Eurosport):
Natürlich Greg Van Avermaet, den muss man dort ganz klar auf dem Zettel haben. Peter Sagan logischerweise auch. Alexander Kristoff wäre auch noch ein Kandidat.

Traust du John Degenkolb eine Platzierung zu?

David Binnig (RennRad):
Absolut. Gerade weil er taktisch extrem clever ist – er hat wohl mit den besten Instinkt und die beste Rennübersicht aller Fahrer.

Philipp Diegner (Coach und Rennanalyst):
Die Flandern-Rundfahrt ist deutlich unberechenbarer als Mailand – San Remo, hier muss alles stimmen. Und ist er schon wieder in der 2015er Form? Ein Top 10 Platz ist sicher möglich.

Felix Mattis (TOUR und radsport-news.com):
Flandern fehlt „Dege“ noch in seiner Sammlung, und er wird deshalb sicher besonders motiviert am Start stehen. Ich traue ihm nicht nur eine Platzierung zu, sondern erwarte die ehrlich gesagt sogar – sorry John, aber ich denke er sieht das genauso. Die besondere Schwierigkeit liegt bei der Ronde, wie gesagt, aber in ihrer Unberechenbarkeit. Um zu gewinnen, muss alles passen. Wichtig wird sein, dass er mit möglichst viel Reserven an den Kwaremont und anschließend an den Paterberg kommt.

Denn auf dem Papier ist er Leuten wie Sagan oder Van Avermaet dort etwas unterlegen. Und wenn er den Anschluss verpasst, dann braucht er starke Teamkollegen, die dort noch an seiner Seite sind, um die Verfolgung zu starten. Deshalb könnte Jasper Stuyven eine Schlüsselrolle spielen – wobei ich ‚befürchte‘, dass man die taktische Karte „Stuyven“ bereits vorher auf den Tisch legt und den Belgier attackieren lässt, um die Konkurrenz zu schwächen. Dann könnte er Degenkolb im Finale fehlen. Trotzdem: Die Top Ten müssten drin sein.

Was macht für dich die Flandernrundfahrt aus?

David Binnig (RennRad):
Hellingen, Pavé und Bier. Verkürzt gesagt. In der längeren Version: Die Ronde ist so viel mehr als ein Radrennen. Sie ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein Volksfest, ein Kulturgut. Beim Cyclo am Tag vor dem Profirennen fahren 60.000 Menschen über diese Straßen. Senioren, Eltern mit ihren Kindern, Kollegen, Freunde. Das ist eine Radkultur, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Als ich dort gefahren bin, hatte ich die ganze Zeit ein Grinsen im Gesicht. Trotz der Kälte. Ok, zugegeben: An den Hellingen war es eher ein schmerzverzerrtes Gesicht.

Philipp Diegner (Coach und Rennanalyst):
Ich habe selbst 5 Jahre in der Region gelebt. Die Stimmung während des Rennens ist nur mit den Anstiegen der Tour de France zu vergleichen. Radsport als Volksfest – man sollte es mal erlebt haben!

Felix Mattis (TOUR und radsport-news.com):
Es ist enorm schwer, während des Rennens Streckenpunkte zu besuchen, weil sich vieles auf engem Raum abspielt und Straßensperren das Bewegen kompliziert machen – und als Journalist muss man auf Nummer sicher gehen, um rechtzeitig am Ziel zu sein. Aber natürlich war ich schon an der Strecke und kenne fast alle Hellinge vom „Drüberfahren“, wenn auch meist im Auto. Das Schöne ist ja, dass man die meisten davon während der Klassikersaison immer wieder trifft. Was den Mythos betrifft, muss man eigentlich sogar einen Schritt zurücktreten und nicht das Rennen sondern die ganze Flandern-Woche ab Gent-Wevelgem betrachten.

Die Woche ist den Flamen heilig und die Tageszeitungen haben täglich acht Seiten mit Radsport zu füllen! Bei der Ronde kummuliert das dann alles, und ein Sinnbild ist sicher das riesige Festzelt mit Tausenden betrunkenen Belgiern direkt am Oude Kwaremont. Ein kleiner Geheimtipp: Kurz nach dem Start des Frauenrennens geht es durch den Wohnort von Emma Johansson: Zingem. Dort ist alles mit schwedischen Flaggen dekoriert, und es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre, im starken Kontrast zum Wahnsinn an den berühmten Hellingen.

Video-Highlights der letzten drei Ausgaben

Flandernrundfahrt 2016…

 

Flandernrundfahrt 2015…

 

Flandernrundfahrt 2014…

(c) Fotos der Experten im Artikel: David Binnig, Philipp Diegner, Felix Mattis und Hennes Roth (Karsten Migels)

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