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Herausforderung Stilfserjoch: Wie es Tina gelang, dieses Biest beim Dreiländergiro zu bezwingen!

by Daniel

Als SpeedVille Reporterin ging Tina beim Dreiländergiro in Nauders (Tirol) an den Start, der in 2018 sein 25-jähriges Jubiläum feierte. Besondere Attraktion und gleichzeitige Challenge für alle Teilnehmer ist der berühmt berüchtigte Anstieg zum Stilfserjoch: 48 Kehren, die schon so manch top Trainierten in die Kniee gezwungen haben. Wie würde es der Mountainbikerin bei ihrem ersten Radmarathon in 2018 ergehen?

Dreiländergiro Radmarathon

Epischer Stelvio beim Dreiländergiro

Von Tina Hien

„Stelvio, Stelvio, Stelvio!“

Auf die Frage von Daniel, ob ich beim Dreiländergiro starten will und warum, waren das meine schlagenden Argumente!

So durfte ich dieses Jahr beim 25. Jubiläum dabei sein. Und ich kann Euch jetzt schon sagen, ich bin mir sicher, dass es den Dreiländergiro auch die nächsten 25 Jahre noch geben wird!

Warum? Lies einfach selbst!

Am Samstag in der Früh ging es bei uns zu Hause los. Die Anreise verlief so was von gut, kein einziger Stau. Und dann auf einmal Schneckentempo, Absperrungen an der Seite und so viele Rennradler auf der Straße, da wusste ich, ich bin in Nauders angekommen.

Zentrale Lage des Hotels Central in Nauders

Das Hotel Central, wo das Zimmer reserviert ist, habe ich sofort gefunden. Es liegt mitten im Zentrum der Ortschaft. Gleich neben dem Startplatz, besser kann die Lage nicht sein. Beim Einchecken merkt man sofort, dass das familiengeführte Hotel auf Radfahrer ausgerichtet ist.

In der Lobby liegen Karten, Infos zu Touren und Radzeitschriften aus. Und für den Dreiländergiro Radmarathon gab es sogar einen extra Aushang, mit den wichtigsten Infos dazu und dass das Frühstück am Renntag bereits ab 4:45 Uhr möglich ist.

Schon mal eine der wichtigsten Fragen geklärt!

Im Anschluss das Zimmer bezogen und das Rad in den abgesperrten Bikekeller gestellt. In diesem ist wirklich alles vorhanden: Schlösser, Luftpumpen, Werkzeug und sogar ein Bikewaschplatz. Dann zuerst mal die Lage vor Ort gecheckt.

Radsporttage in Nauders

Hier ist ordentlich was geboten, es sind schließlich Radsporttage in Nauders.

Volles Programm, am Freitagabend gab es bereits ein Kriterium. Und heute konnte ich live den Zieleinlauf der erstplatzierten Ultracyclists vom RATA (Race Across the Alps) um Robert Petzold und Daniel Rubisoier anschauen – eine faszinierende Veranstaltung in diesem ganzen Rahmen hier in Nauders.

Die ganze Zeit über wird moderiert und es gibt Liveübertragungen auf sämtlichen Medien. Aber ich bin ja erst beruhigt, wenn ich für mich alles beieinander habe.

Kennt ihr bestimmt.

Startnummernausgabe auf dem Festplatz

Hotel Central, Nauders

Dreiländergiro Radmarathon

So bin ich erstmal zur Startnummernausgabe gegangen und hier stehen Leute aus sämtlichen Nationen, die ebenfalls ihr Startunterlagen holen, an.

Ein tolles Flair.

Dort habe ich dann auch Vikky vom Orgateam getroffen. Unglaublich, wie gut sie drauf ist, für jeden ein offenes Ohr hat und alles reibungslos abläuft.

Auf dem Festplatz gibt es noch eine kleine Expo. Alles was noch benötigt wird, bekommst Du hier, egal ob noch eine Windjacke oder auch eine Massage. Ich habe mir dann noch zwei Riegel mitgenommen, nach dem Motto, sicher ist sicher.

Aber die Sorge war unberechtigt, wie sich später herausstellte. Es gab vier Verpflegungsstationen auf der (kurzen) Vinschgau Strecke, die ich in Angriff nehmen wollte. Und das sollte dicke reichen.

Langsam stieg die übliche Anspannung vor solchen Marathons. Diesmal besonders, denn bisher bin ich diesem Jahr nur MTB-Marathons gefahren und es war somit dieses Jahr der erste mit dem Rennrad.

Schließlich wartete morgen der berühmt berüchtigte Anstieg zum Stilfserjoch.

Kurze Einfahrrunde zum Reschensee

Dreiländergiro Radmarathon

Wunderbarer Reschensee

So hieß es noch etwas die Beine lockern bei einer kleinen Ausfahrt zum Reschensee. Beim Zurückfahren nach Nauders schnell noch das Briefing für den Dreiländergiro angehört und hier gab es schon die nächste gute Nachricht, es wurde versprochen, dass es morgen bis 15.00 Uhr trocken bleiben würde.

Beste Voraussetzungen.

Nach dem sehr guten Abendessen im Hotel Central ging es dann mit etwas Nervosität aufs Zimmer, es galt die letzten Vorbereitungen für morgen zu treffen.

Diese ewige Frage geisterte in meinem Kopf:

Was ziehe ich morgen an?

Zu warm wollte ich mich nicht einpacken, das wird einem ja von alleine.

Aber wie wird es wohl auf fast 2800 Metern oben am Stelvio sein? Okay, Regensachen waren laut Briefing nicht nötig, so entschloss ich mich, nur eine Weste und lange Handschuhe für die Abfahrt rauszulegen. Sollte reichen.

Schnell noch den Wecker gestellt und ab in die Falle.

Unruhiger Schlaf vorm Rennen

Irgendwie war ich ziemlich unruhig in der Nacht, sicherlich die Nervosität, und auf einmal ein lautes „Ring Ring“, welches mich schon um 4:15 Uhr aus dem Schlaf gerissen hat. Zeitig bin ich zum Frühstück, denn ich wollte nicht mit ganz vollem Magen losfahren.

Und was sehen meine Augen da?

Ein Frühstücksbüffet, welches nicht leckerer ausschauen kann. Ich dachte mir nur sofort, ich will noch eine Nacht länger bleiben, damit ich das richtig genießen könnte, denn vorm Rennen gibt es bei mir nur Brot mit Honig.

Start beim Dreiländergiro auf der Vinschgau Strecke

Dreiländergiro Radmarathon

Auf gehts!

Etwas später, um kurz vor 6:00 Uhr war ich dann im Startblock. Für mich hieß es heute: Strecke Vinschgau: 120 km und fast 3000 hm.

Ob ich mein Ziel erreichen würde?

Ich dachte mir, wenn ich in meiner AK die Top10 schaffen würde, dann bin ich zufrieden. Noch ein bisschen mit den anderen gequatscht, AC/DC wird aufgedreht und du weißt, jetzt geht es gleich los.

Noch schnell die Starttaste am Garmin drücken, einklicken und das ist dann der Moment, ab welchem du für die nächsten Stunden alles um dich herum vergisst.

Ich bin ganz gut weggekommen.

Zuerst ging es von Nauders raus, in den ersten kleinen Anstieg zum Warmwerden schön im Pulk fahren. Ich hatte jedoch Mühe, die vorderen Gruppen mitzuhalten, irgendwie schienen meine Beine heute nicht so gut zu sein wie gewünscht.

Oder liegt es daran, dass die Beine einfach noch kalt sind?

Okay, ich sage zu mir selbst, jetzt nicht die Körner verschießen, die Herausforderung steht mit dem Stilfserjoch noch bevor. So habe ich einfach die nächste Gruppe abgewartet und mich da dran gehängt, bis zum Reschenpass, bevor es in die erste Abfahrt geht.

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Über Prad zum Stilfserjoch

In dieser kurz ausruhen, bevor man die Ortschaften Glurns und Prad passiert. Dann kommt auch schon das Schild, Stilfser Joch, und nun geht es los.

Viele bleiben nochmal stehen, machen eine kurze „Pipipause“ und verstauen Jacke, Armlinge, etc. in den Trikottaschen. Ich mache nur meine Weste auf und freue mich, dass nun die Auffahrt beginnt, kein Gruppenfahren mehr, sondern nur für mich alleine.

So langsam finde ich meinen Rhythmus, jetzt wo ich mein eigenes Tempo fahren kann, ich bin zügig unterwegs, jedoch nicht zu schnell, denn ich will ja gut durchkommen, bis zum Schluss.

Einige überholen mich und ich fahre auch an einigen vorbei. Recht schnell kam dann der Ort Trafoi, ab dort beginnt es eigentlich erst richtig seriös mit dem Anstieg.

Start der 48 Kehren ab Trafoi

Ab hier stehen dir 48 Kehren bevor, 48 Kehren für die Ewigkeit!

Noch mache ich mir keine Gedanken darüber, sondern pedaliere einfach nur weiter. Es kommt etwas später eine lange Gerade und hier ist dann der bekannte Moment erreicht, wenn man einen harten Anstieg hochfährt, an dem man sich immer wieder fragt, musst Du Dir das eigentlich antun?

Aber der Moment ist schnell wieder vorbei.

Selbstmotivation am Stelvio

Irgendwie mag ich ja diese Kehren. Ich zähle sie immer runter. Nach dem Motto, guck mal einer an, was Du schon wieder geschafft hast!

Motivierend.

Dann sind es nur noch 30, nur noch 24. Ich juble innerlich, yeah, du hast ja schon die Hälfte in der Tasche.

Es kommt die Franzenshöhe, du siehst nach oben und es tut sich ein Anblick auf, den Du sonst nur von diesen Fotos kennst: Ein unendliche Straße, die sich nach oben schlängelt.

Schmerz und Begeisterung gehen Hand in Hand.

Die Sonne ist inzwischen auch zum Vorschein gekommen und lässt die Berge erleuchten. Einerseits ist dieser gigantische Ausblick so beeindruckend, dass ich nur fasziniert davon bin, aber irgendwie wird mir doch bewusst, was mir noch bevorsteht.

Du weißt gar nicht, wie du das überhaupt schaffen sollst, aber Du bist bereits mittendrin und fährst einfach nur weiter. Du funktionierst.

Auf einmal kommt ein Flow. Da ich nicht auf Anschlag fahre, habe ich so viele Eindrücke. Immer wieder finde ich es erstaunlich, wie so viele Menschen auf einem Haufen, so ruhig sein können.

Gute Laune durch gute Pacingstrategie

Auf der Straße befinden sich Kilometermarkierungen. Noch 7 km bis zur Passhöhe. Okay, ein bisschen dauert es noch, aber ich zweifle nicht, es geht mir gut.

Während der ganzen Zeit habe ich immer wieder Gels und Riegel reingeschoben und nie überpaced. So kann ich zügig weiterfahren ohne einzubrechen.

Ich schaue nach unten, eine endlose Schlange von Radfahrern. Alle haben für sich die gleiche Challenge, jeder fährt für sich, im Kampf gegen den inneren Schweinehund um den Stelvio zu bezwingen.

Bei manchen fließen die Schweißtropfen literweise, andere hingegen schnaufen so laut, dass ich am liebsten sagen würde, mach doch ein bisschen langsamer. Auf einmal sind es nur noch 10 Kehren. Dann vor mir, einer vom Team Strassacker.

Ich überhole einen Strassacker. Echt jetzt?

Unglaublich, der ist tatsächlich nicht schneller als ich. Okay, er sieht mehr wie der Sprintertyp aus, aber trotzdem. Als ich an ihm vorbei fahre, sagt mein Mitfahrer, jetzt hast Du ihm im Schlepptau und der Strassackerfahrer antwortete, ein Abschleppseil wäre ihm lieber gewesen. Humor hat er.

Und schwupps bin ich oben auf der Passhöhe.

Pflichtfoto auf dem Stelvio, aber leider ohne Bratwurst

Dreiländergiro Radmarathon

Stilfser Joch

Schade, dass ich mir nicht die legendäre Bratwurst oben gönnen kann. An den Shops hängen sogar Radtrikots vom Stelvio, aber zum Shoppen bin ich ja nicht hier. Den obligatorischen Fotostopp am Passschild lasse ich mir nicht nehmen, der muss sein!

Dann Weste zugemacht, die langen Handschuhe angezogen und über den Umbrail in die Abfahrt.

Der Wind kühlt ziemlich ab, die Finger werden klamm, so dass ich die Bremse nicht mehr richtig dosieren kann. Die Abfahrt wird also deutlich langsamer als gewollt, dafür kann ich auf der Straße noch etliche Favoritennamen vom letzten Giro d’Italia erkennen.

Erneute Gänsehaut.

Unten in St. Maria angekommen, wurde es wieder spürbar wärmer und bis ins Vinschgau konnte ich dank meines Vordermanns gut Gas geben.

So ging es eine Zeitlang dahin. Dann kam das letzte Stück am Reschensee und das war auch nicht ohne. Viel Gegenwind und immer wieder fiese Rampen, dass die Beine brannten.

Nach dem Reschensee nochmal auf die Hauptstraße, einmal richtig Gas geben und wenig später ging es auch schon über die Ziellinie beim Dreiländergiro.

Geschafft, gefinished.

5:25 Stunden beim Dreiländergiro

Noch schnell die Stopptaste am Garmin gedrückt: 5:25 Stunden mit einem Schnitt von 21,6 km/h. Wow, wie geil ist das denn?

Etwas ausgeschnauft und dann den Pastagutschein eingelöst, immerhin habe ich gerade 3000 Kalorien verbraucht. Die Startnummer abgeben und dann, yes, da ist es, das Trikot des Dreiländergiros.

Auf der Wiese siehst Du alle Finisher und die Gesichter sprechen Bände: Einerseits erschöpft, aber gleichzeitig auch dieses Gefühl, soeben 48 Kehren bis zum Stilfser Joch hochgefahren zu sein.

Jeder fühlt sich hier als Sieger.

Achja, ich gucke mal auf die Ergebnisliste beim Dreiländergiro, die da aushängt, ob ich mein Ziel erreicht habe und es in die Top-10 geschafft habe?

Echt jetzt? Ich bin auf AK-Platz 5? Das gibt es doch nicht. Ich gucke nochmal, tatsächlich. Und auf Platz 3 haben nur 40 Sekunden gefehlt.

Unglaublich, für mich in einem Radmarathon so weit vorne zu sein. Hätte ich das gewusst, wäre ich anders rangegangen. So bin ich das ja heute mehr als Trainings-und Tourifahrt gefahren.

Aber es ärgert mich letztendlich nicht, im Gegenteil. Es motiviert mich unheimlich, dass ich hier eine für mich so gute Leistung gebracht habe.

Rückblick und Ausblick auf den Dreiländergiro

Der Dreiländergiro, der wirklich ein Erlebnis ist, geht damit zu Ende. Auch wenn ich die Beine ganz schön spüre, weiß ich jetzt schon, eine Wiederholung wird folgen.

Als Radsportler muss man den Dreiländergiro in Nauder unbedingt mal gefahren sein.

Warum?

Diese unglaubliche Landschaft. Und das Stilfserjoch muss ohnehin auf jeder To-Do-Liste eines Radsportlers stehen!

Viele in meinem Umfeld erklären mich ja für verrückt, wie man sich sowas freiwillig antun kann, wer aber einmal dabei war, der wird mich verstehen. Für mich war es ein unvergessliches Wochenende in einer traumhaft schönen Gegend. Nächstes Jahr werde ich wieder am Start sein! Ich warte jetzt schon darauf, wann der Termin bekannt gegeben wird.

Vielleicht sieht man sich?

Fotos: Gerhard Steinl

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